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Da vom Minnesänger Wizlaw von Rügen leider keine bildliche Darstellung überliefert ist, zeichnete der Autor dieser Seiten zwei Bilder. Links, im Stil der Manessischen Handschrift, reitet Wizlaw, begleitet von guten Wünschen seines Lehrmeisters Magister Ungelarte, fröhlich zu seiner Geliebten, die ihn mit einem Kranz empfängt. Neben den beiden Wappen der Rügenfürsten ist auch deren Helm mit Pfauenfedern und vier Lilienstängeln zu sehen. Das rechte Bild zeigt im Stil der Weingartner Lieder- handschrift das Paar unter einem Lindenbaum.
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Fürst Wizlaw III. von Rügen war einer der letzten Minnesänger und der einzige nachweisbare mittelalterliche Dichter von der Ostseeküste. Er entstammte einem alten slawischen Adelsgeschlecht, das schon in vorchristlicher Zeit die rüganischen Herrscher stellte.
Ein kleiner Blick in die Geschichte soll zum Verständnis beitragen: Im 6./7. Jahrhundert ließ sich im Zuge der Völkerwanderung der Slawenstamm der Ranen oder Rujanen auf Rügen, den benachbarten Inseln und dem vorgelagerten Festland nieder. Das Territorium des Königreichs (bis 1168) bzw. Fürstentums Rügen umfasste etwa das Gebiet der heutigen Kreise Rügen, Stralsund und Nordvorpommern. Hier könnt ihr euch über die Sprache der slawischen Bewohner des Ostseeraums informieren.
Die Ranen hielten von allen Slawenstämmen am längsten am alten Glauben fest. Auf der Insel befand sich neben den Kultstätten mehrerer lokaler Götter auch das Hauptheiligtum aller Westslawen: der Tempel des Sonnengottes Svantevit in der Burg von Arkona. Diese Tempelburg wurde im Jahr 1168 durch ein dänisches Heer unter Führung des Bischofs Absalon von Roskilde erobert und die überlebensgroße Figur des Gottes zusammen mit dem gesamten Heiligtum zerstört.
Nach der wenig später erfolgten Einnahme der Königsburg Charenza (oder Karenz) mussten die rüganischen Herrscher Tezlaw und Jaromar dem Dänenkönig Waldemar den Treueid leisten und wurden als Fürsten von Rügen (princeps ruyanorum, d.h. Fürst der Rujanen) in den dänischen Lehnsverband aufgenommen. Die ranische Bevölkerung wurde in der Folgezeit christianisiert. Dieser Prozess erfolgte im Unterschied zu anderen Regionen friedlich.
Für den weiteren Landesausbau, der verstärkt in der Mitte des 13. Jahrhunderts einsetzte, wurden mehr Menschen gebraucht, als im Lande verfügbar waren. Die Folge davon war, dass neue Siedler, meist aus dem norddeutschen Raum, im Fürstentum Rügen heimisch wurden. Diese Ansiedlung von Niederdeutschen und z.T. Flamen wurde von den Ranenfürsten und dem slawischen Adel natürlich aus wirtschaftlichem Interesse gefördert. Wichtig zu erwähnen ist aber die Tatsache, dass keine Hinweise über Hass und Gewalt oder über Unterdrückung der ansässigen slawischen Bevölkerung vorliegen. Auch das im Gegensatz zu den benachbarten Ländern (Mecklenburg, Brandenburg, Pommern). Es hat also ein mehr oder minder gutes Nebeneinander, wenn nicht sogar Zusammenleben der verschiedenen Nationalitäten gegeben.
Aus diesem wunderbaren Miteinander ist das Leben des letzten rüganischen Fürsten und Minnesängers Wizlaw erklärbar. Wizlaw wurde als Erster von vermutlich vier Söhnen und vier Töchtern in der Ehe von Fürst Wizlaw II. (um 1240 -29. Dezember 1302) und der welfischen Prinzessin Agnes von Braunschweig-Lüneburg 1265 oder 1268 geboren. Schon relativ früh müsste er eine literarische Ausbildung erhalten haben. Als sein Lehrmeister wird ein Magister Ungelarte angesehen, der um 1300 in Stralsund urkundlich nachweisbar ist. ”Ungelârte” bedeutet so viel wie ”umherziehender Literat”. In einem Lied aus der Anfangszeit von Wizlaws Schaffen nennt er ihn als seinen Lehrer. Zugleich beklagt Wizlaw die Mühen des Erlernens der ”sehnenden Weise”. Ein Ton des Ungelarten, von dem uns leider keine Originaltexte überliefert sind, ist in der Colmarer Liederhandschrift des 15. Jahrhunderts zu finden. Hier könnt ihr diesen Spruch lesen.
Es ist anzunehmen, dass Wizlaws Hauptschaffenszeit vor seinem Regierungsantritt lag. Dieser erfolgte 1302 gemeinsam mit dem einzigen noch lebenden Bruder Sambor. Nach dessen Tod 1304 regierte er allein. Wizlaw war zweimal verheiratet: Zuerst (vor 1305) mit Margareta aus einem unbekannten Geschlecht und nach ihrem Tod (um 1310) mit Agnes aus dem Hause Lindow-Ruppin. Vielleicht dichtete der Prinz die Lieder auf seine Geliebte Margareta? Vom zeitlichen Geschehen her wäre es denkbar. Während die erste Ehe kinderlos blieb, hatten Agnes und Wizlaw die zwei Töchter Euphemia und Agnes und den lange ersehnten Nachfolger Jaromar. Doch dieser starb, vermutlich etwa dreizehnjährig, am 24. Mai 1325 noch vor dem Vater (8. November 1325).
Die Regierungszeit Wizlaws verlief alles andere als friedlich: Hineingezogen in die kriegerischen Auseinandersetzungen um die Vorherrschaft im Ostseeraum - zwischen seinem Lehnsherrn, Dänenkönig Erik Menved, sowie Markgraf Waldemar von Brandenburg und den reichen Hansestädten - fand er wohl kaum zur dichterischen Muse. Besonders kompliziert war Wizlaws Verhältnis zu Stralsund, jener einflussreichen und mächtigen Stadt im Fürstentum Rügen. Für die kriegerischen Auseinandersetzungen mit ihr, die nicht zu rechtfertigen sind und bei denen der Fürst schließlich unterlag, gab es sicherlich mehrere Gründe. Feudaler Machterhalt und wirtschaftlicher Eigennutz waren bestimmt zwei davon. Aber auch ein Ereignis aus seinen Jugendjahren wird ihn geprägt haben: Wizlaw wurde während einer Andacht im Rigaer Dom, nachdem er einem Kaufmann eine unwillige Antwort wegen einer Schuld gab, von diesem niedergestochen. Als Folge davon litt er an einem Gehfehler. Ein anderer Aspekt ist ebenfalls recht interessant. Nachweislich versuchte der Fürst die Stadtarmut in ihrem Kampf gegen das Patriziat zu unterstützen. Ob da etwa neben deren Ausnutzung für eigene Interessen auch so etwas wie soziales Gewissen mitschwang? Aufschlussreich ist zum Beispiel folgende Episode: Fast der gesamte Landadel des Fürstentums Rügen hatte sich in dieser Auseinandersetzung gegen seinen Lehnsherren gestellt und sich mit der Stadt Stralsund verbündet. Der entsprechende Bündnisvertrag mit den Siegeln ist noch im Stralsunder Stadtarchiv erhalten. Neben der Absicht der Adligen, von der sehr ”zahlungskräftigen” Hansestadt Geld zu erlangen, war das wohl auch Ausdruck eines schon länger schwelenden Konflikts mit Wizlaw. Dieser hat offensichtlich versucht, seinen Einfluss mehr zu gunsten der ärmeren Schichten (Bauern, Stadtarmut) geltend zu machen, und ist somit in Konflikt zu den Patriziern und den Landadligen seines Landes geraten (neben dem bereits oben genannten Eigennutz). Übrigens war der Wortführer der ”verräterischen” Adligen der Herr zu Putbus.
Unabhängig davon, wie man Wizlaws späteres Handeln einschätzt, seine Leistung als mittelalterlicher Dichter und Minnesänger ist jedoch unbestritten.
Von Wizlaw sind uns 14 Lieder und 13 Sprüche überliefert, die als Nachtrag in der Jenaer Liederhandschrift auf den Seiten fol. 72vb - 80vb enthalten sind. Gedichtet hat er auf jeden Fall mehr, da nachweislich Seiten fehlen. Dadurch wurde auch der erste Spruch Wizlaws, ”Ich wil singen in der niuwen wîse ein liet”, fälschlicher Weise Meister Friedrich von Sonnenburg zugeschrieben. Die Zuordnung der Texte zu Wizlaw konnte nur erfolgen, da er sich an drei Stellen selbst nennt, davon einmal als ”Wizlaw der junge” in Unterscheidung zu seinem Vater. Drei der Lieder sind infolge der abhanden gekommenen Seiten nur unvollständig erhalten. Dafür ist uns aber in dieser Handschrift ein anderer ”Schatz” erhalten geblieben: Sämtliche Lieder und Sprüche enthalten auch die Melodien in Quadratnotation, sodass wir diese mittelalterliche Musik fast problemlos nachempfinden können. Hier könnt ihr euch eine Originalseite aus der Jenaer Liederhandschrift ansehen.
Der Fürst ist übrigens der einzige hochadlige Minnesänger, der mehr als nur ein paar Gelegenheitslieder schrieb und der sich außerdem der Sangspruchdichtung zugewandt hatte, einer Domäne der bürgerlichen Spielleute und der Sänger aus niederem Adel. Walther von der Vogelweide hatte bekanntlich diese Art der Dichtung zur Blüte gebracht.
Von zwei der Spielleuten, mit denen Wizlaw offensichtlich befreundet war, existieren Lobsprüche, die neben den ritterlichen Tugenden auch seine Gastfreundschaft, seine Güte und seinen Gerechtigkeitssinn würdigen. Es handelt sich dabei um die bürgerlichen Sänger Goldener und Heinrich von Meißen, genannt Frauenlob. Letzterer gründete um 1300 in Mainz eine Sängerschule und wurde im Kreuzgang des dortigen Doms beigesetzt. Sein Grabmal ist noch erhalten und trägt die Umschrift “Henricus Frowenlob dem gott genadt + anno domini mcccxviii”. Hier könnt ihr beide Preissprüche lesen.
Wizlaws Spruchdichtung enthält zum großen Teil Themen mit ethisch-moralischem Hintergrund, oft im religiösen Gewand. Ein zentraler Punkt ist die Entscheidung des Menschen zwischen Gut und Böse. Der Dichter lässt auch keinen Zweifel daran, dass Gott nur dem gut und gerecht handelnden Menschen beisteht. Und gibt somit seine eigene Meinung kund, in dem er zum Beispiel in ”Sage an, du bôser man” dem ins Gewissen redet, der nicht so handelt. In einem anderen Spruch, ”Manik schimpfet uf sîn eigen zil”, nennt er einen Verleumder ”eiterslange” und wünscht ihm die Verachtung durch Männer und Frauen.
Neben dem religiösen Gedankengut des mittelalterlichen Menschen erfahren wir ebenso einiges aus Wizlaws Bildung: Die Kenntnis der Bibel können wir voraussetzen. Er belegt sie an einigen Stellen, so auch mit dem ”Traum Nebukadnezars” aus dem Buch Daniel. Auch die Sage vom Ritter Marcus Curtius aus dem alten Rom ist ihm bekannt, denn er setzt sie in einem Spruch um.
Der Spruch ”Mir geschiht niht wan mir schaffen ist” ist ebenfalls interessant. In der Übertragung von Pyl/Gülzow, die auch für die anderen Textbeispiele gilt, lautet er so:
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”Nicht anders ist es mir bestimmt, Es fügt sich so” - wer das annimmt, Der bringt es im Leben leicht dazu, Dass er sich selbst betrüget. ”Bestimmung” und ”Das ist mein Los” - Wer’s sagt, ist an Torheit groß, Sich selbst betrügt er und die Welt; Dies Wort ist falsch gefüget. Folgt dann ein Leid, Er ist gefeit, - Dann heißt’s: ”So musst’ es kommen.” Das darf nicht sein! Drum höret mein: Nie hab’ ich das vernommen In Predigt und in Bücher Lehr’. Wo nehmen es nur die Toren her? Womit beweisen sie den Trug? - Ihr Spruch sie selber belüget!
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Hier ermahnt Wizlaw seine Zuhörer, sich nicht fatalistisch einem wie auch immer gearteten, unabwendbaren “Schicksal” zu beugen, sondern zu versuchen, das Glück selbst in die Hand zu nehmen, also ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Ob das wohl einem hohen Vertreter der Amtskirche gefallen hätte?
Den Abschluss des Themas ”Sprüche” soll ein Rätsel bilden, das der fürstliche Sänger verfasst hatte und zu dem bis heute keine befriedigende Lösung gefunden wurde. Vielleicht versucht’s mal jemand...Rätselsprüche waren bei mittelalterlichen Spielleuten recht beliebt. Hier soll nun einmal der mittelhochdeutsche neben dem neuhochdeutschen Text stehen.
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Nu râte, ein wîser, waz diz sî:
ez wont uns algemeine bî,
und ist uns allen undertân, doch ez ist unser hêre.
Ez ist grôz, wan ez uns wert,
und ist noch kleiner, den ein err,
unt tuot uns maniger hande walt mit sîner tumben kêre.
Daz ist sô rîch,
niht sîn gelîch
weiz ich im lîbe,
dârzuo sô kluok
mit sîner vouk,
trîbt ez man von wîbe;
vollenkomene maht ez hât,
unt gît ze allen dingen rât,
und ist tumber, wan ie iht wart; nu râte dise lêre.
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Nun ratet einmal, was das wohl sei:
Es wohnt uns allgemeinlich bei
Und ist uns allen untertan, und doch tut’s uns regieren.
Bis es wird, mag groß es sein
Und ist doch wie eine Erbse klein;
Oft seh’n wir’s auch zu unserem Leid gar dumme Streich’ vollführen.
Es ist so reich,
Ich weiß ihm gleich
Nichts in meinem Leibe;
Dazu so klug,
Und doch mit Fug
Treibt’s den Mann vom Weibe.
Vollkommene Macht es hat
Und gibt zu allen Dingen Rat,
Und doch nichts Dümmeres je es gab - nun sucht ihm nachzuspüren!
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Wie bei den Sprüchen - dort sind es vor allem die wandernden Sänger Rumsland und Reinmar von Zweter gewesen - so hat sich Wizlaw auch bei seinen Liedern zum Teil an literarische Vorbilder gehalten: an den Schwaben Gottfried von Neifen und den Schweizer Steinmar, aber ganz sicher auch an seinen Lehrmeister Ungelarte. Dass ihm dessen ”sehnende Weise” beim Erlernen schwer gefallen ist, wurde schon erwähnt. Jedenfalls entwickelte Wizlaw bald seinen eigenen Stil:
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Nun ich sehnsüchtige Weisen vollendet,
Sei mir Freude gespendet!
Danach streben Herz und Sinn.
Dass ich möchte leben ohne Sorgen,
Wäre im Glück geborgen,
Hoher Mut wär’ mein Gewinn.
So bewält’ge ich die sehnenden Weisen,
Dass ich hoch zu preisen,
Freudig wohl bis zum Alter des Greisen
Ohne Sorge bin.
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Ein lieblich Fest, von hoher Würde begleitet
Hat Minne mir bereitet;
So oft ich denke dieser Pracht,
Seh ich ihr Bild in holden Zügen
Im Geist vorüberfliegen,
Es trifft mich ins Herz mit Macht.
Es glänzet so klar als wie die Sonne;
Gibt es höh’re Wonne?
Ich wähn’, ihre Schönheit zwingen könne
Minne - Göttins Macht.
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Sie traf mich tief ins Herz mit ihren Blicken,
Die Flammen voll Entzücken
Mir in meine Augen senden.
So beraubte sie mich fast der Sinne,
Ein Bild der holden Minne;
Ich bin ganz in ihren Händen.
Wird Frau Minne gleich die Waage stellen,
Gleichen der Liebe Wellen,
Dann wird sich die Holde mir gesellen;
Lieb’ wird Liebe spenden.
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Bei diesem Lied spürt man schon, dass der Sänger so gar kein Freund von Liedern ist, in denen sich der minnende Ritter lediglich entsagungsvoll an seiner Angebeteten verzehrt, sondern dass er sehr natürliche, wirklichkeitsnahe und lebendige Vorstellungen hat. In Wizlaws Minneliedern geht es immer um erfüllte oder erfüllbare Liebe, auch wenn die Sorge um Liebe und Geliebte ihm so manchen Schmerz bereitet, wie in ”Owê! Ich hân gedaht al dise naht” beschrieben. Auch in einem Taglied, das ist der Wechselgesang zwischen der Frau und ihrem Ritter, der sie bei Tagesanbruch verlassen muss, bleibt sich Wizlaw seinen Vorstellungen treu.
Die meisten Lieder weisen noch eine für den Fürsten typische Besonderheit auf: Sie besitzen volkstümliche Gestaltungselemente und beginnen mit einem recht umfangreichen Natureingang. Im Winterlied sind es die fallenden Blätter im kalten Wind. Aber in seinen fünf Mailiedern sind es die nun wieder erwachende Natur, die ersten wärmenden Sonnenstrahlen. Der blühende Anger und der Vogelgesang assoziieren nun wieder Fröhlichkeit, Musik, Tanz und Liebe. Schade ist nur, dass sich in der besungenen Natur kein Bezug zu Wizlaws sicher schon damals schönen Inselheimat findet.
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Die Vögel sing’n
Und auf des Maien Laub sich schwing’n,
Laut die süßen Töne kling’n
Lockend zum Gemüte.
Der Lenz erneut
Schon der Flur ihr Farbenkleid,
Gelb, rot und weiß er Blumen streut
In des Laubes Blüte.
Hold anzuschau’n
Liegen reich geschmückt die Au’n,
Jung und Alten, Mann und Frau’n
Rechte Augenweide.
Was der Maie erschließt,
Reich im Sonnenscheine ersprießt;
Wen der Arm der Liebe umschließt,
Der hat Herzensfreude.
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Nun rüstet hier
Mit der Waffen edler Zier
Reiterscharen und Turnier
Euch zum Ruhmeskranze!
Kehrt ihr zurück,
Dann winkt euch der Freude Glück
Aus der holden Frauen Blick,
Die geschmückt zum Tanze.
Tragt hohen Mut!
Wenn ihr Auge auf euch ruht,
Winket euch das höchste Gut,
Das euch kann belohnen.
Regt sich Lustgefühl,
Wähle ich ihr Herz als Ziel.
Dann ist minniglich Kampfesspiel,
Reich an Siegeskronen.
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So lebe ich gern,
Sie sei meines Auges Stern,
Alle Sorge sei uns fern:
Möcht’ es ewig währen!
Lass, Vorbild mein,
Deine Huld mein Führer sein;
Lös’ mich von der Sorge Pein:
Du könnt’st mich entbehren!
Wer kennt die Zeit,
Dass neidlos Minne uns erfreut!
Manchen hat es schon gereut:
Habe drum Erbarmen!
Ganz umstrickt ich bin
Von dem minniglichen Sinn:
Ich such’ Lebens Hochgewinn
Nur in deinen Armen!
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Dass für Wizlaw das Liebesverhältnis immer ein harmonisches und gleichberechtigtes und damit auch ein für die damalige Zeit recht emanzipiziertes war, kommt im wohl schönsten Mailied des Sängers zum Ausdruck:
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Wohlan, Herr Mai, ich gebe jetzt euch hohe Ehren,
Nun schreitet meine Frau im Festgewande;
Jetzt schmückst du sie - nicht länger durft’ es währen,
Dass Schnee und Eis und Sturm beherrscht’ die Lande.
Erschlossen ist der Schrein,
Ihr Kleid schmückt Edelstein;
Sie trat zur Tür,
Und lächelnd sprach sie dann zu mir:
”Geliebter, gefall ich dir?”
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Es weiß meine Frau, ich lobe den Maien,
Doch wahr ist’s, dass lieber von ihr ich höre.
Sie ersinnt ja mit Liebe mich stets zu erfreuen,
Sie ist’s, die ich unter tausend erköre.
Wo gibt es auf Erden hier
Unterm Himmel solche Zier
Von Lieblichkeit,
Die Gottes Güte ihr verleiht
Als schönstes Ehrenkleid!
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Wollte mein Wille jemals hart ihr scheinen,
Gern ließe ich der Wünsche höchsten schwinden:
O möcht’ mein Wille sich mit ihr vereinen,
Im ew’gen Bunde Herz zum Herzen sich finden!
Leicht ist der Wunsch gestillt,
Bald sich mein Glück erfüllt.
Nah ist die Zeit,
Dass ihre Liebe mich erfreut,
Holde Wonne ist bereit.
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meine Idee einer Würdigung des rüganischen Minnesängers und Fürsten Wizlaw III. An einem zentralen Ort der Insel Rügen, z.B. auf dem alten slawischen Burgwall Rugard in Bergen, könnte eine kleine Rotunde errichtet werden. An der Innenwand wäre Platz für die Lieder und Sprüche des Minnesängers (original wie in Übersetzung). Über diesen Texten würden sich farbige Glasfenster, auf denen die Stationen des Lebens und Schaffens Wizlaws dargestellt sind, sehr schön machen. Und wenn doch noch jemals sein Grab (und vielleicht auch die seiner Eltern, Geschwister und Kinder) von den Archäologen gefunden würde, dann wäre diese Stätte auch ein würdiger Platz für die letzte Ruhe. Vielleicht könnte sich um diesen kleinen Erinnerungsort sogar eine eigene Kultur entwickeln, ähnlich der am Grab von Héloise und Abélard in Paris, das Liebespaare stets mit Blumen schmücken.
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Die Quellen, auf die ich mich bei meiner Arbeit vorrangig gestützt habe (chronologisch geordnet): 1. Hagen, Fr. H. v. d. “Minnesinger, Deutsche Liederdichter des 12., 13. und 14. Jahrhunderts I - IV”, Leipzig 1838 2. Fabricius, C. G. ”Urkunden zur Geschichte des Fürstentums Rügen unter den eingeborenen Fürsten”, Stettin 1851 3. Dannenberg, H. ”Pommerns Münzen im Mittelalter”, Berlin 1864 4. Pyl, Th. “Lieder und Sprüche des Fürsten Wizlaw von Rügen”, Greifswald 1872 5. Dannenberg, H. ”Münzgeschichte Pommerns im Mittelalter”, Berlin 1893 6. Pyl, Th. ”Die Entwicklung des pommerschen Wappens, im Zusammenhang mit den pommerschen Landesteilungen”, in Pommersche Geschichtsdenkmäler VII, Greifswald 1894 7. Behm, O. “Beiträge zum Urkundenwesen der einheimischen Fürsten von Rügen”, Greifswald 1913 8. Gülzow, E. ”Des Fürsten Wizlaw von Rügen Minnelieder und Sprüche”, Greifswald 1922 9. Haas, A. ”Arkona im Jahre 1168”, Stettin 1925 10. Hamann, C. ”Die Beziehungen Rügens zu Dänemark von 1168 bis zum Aussterben der einheimschen rügischen Dynastie 1325”, Greifswald 1933 11. Scheil, U. “Genealogie der Fürsten von Rügen (1164 - 1325)”, Greifswald 1945 12. Rudolph, W. ”Die Insel Rügen”, Rostock 1954 13. Steffen, W. ”Kulturgeschichte von Rügen bis 1817”, Köln, Graz 1963 14. Váňa, Z. ”Die Welt der alten Slawen”, Praha 1983 15. Gloede, G. ”Kirchen im Küstenwind - Band III”, Berlin 1984 16. Hg. Herrmann, J. ”Die Slawen in Deutschland - Ein Handbuch”, Berlin 1985 17. Spiewok, W. ”Wizlaw III. von Rügen, ein Dichter”, in: Almanach für Kunst und Kultur im Ostseebezirk, Nr. 8 (1985) 18. Spitschuh, B. ”Wizlaw von Rügen: eine Monografie”, Greifswald 1989 19. Lange, A. “Tausendjähriges Ralswiek”, Bergen 1990 20. Hages-Weißflog, E. “snel hel ghel scrygh ich dinen namen - Zu Wizlaws Umgang mit Minnesangtraditionen des 13. Jahrhunderts”, in: ”Lied im deutschen Mittelalter. Überlieferung, Typen, Gebrauch”, Tübingen 1996 21. Bleck, R. ”Untersuchungen zur sogenannten Spruchdichtung und zur Sprache des Fürsten Wizlaw III. von Rügen” GAG Folge 681, Göppingen 2000 22. Schmidt, I. ”Götter, Mythen und Bräuche von der Insel Rügen”, Rostock 2002 23. Jahn, L. ”Wizlaw III. von Rügen - Fürst und Minnesänger” und ”Wizlaws Liederbuch”, Hofgeismar 2003 24. Sobietzky, G. “Das Fürstentum Rügen und sein Geldwesen”, Stralsund 2005 25. Kratzke, Ch., Reimann, H., Ruchhöft, F. “Garz und Rugendahl auf Rügen im Mittelalter”, in: Baltische Studien, Neue Folge Band 90 (2004), Kiel 2005
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