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Die Preissprüche zweier mit Wizlaw befreundeter Sänger

Hier lest ihr die Preissprüche zweier mit Wizlaw befreundeter Sänger bürgerlichen Standes. Es sind zum einen der berühmte Heinrich von Meißen, besser bekannt als “Frauenlob” (Vrouwenlob), und zum anderen ein Spruchdichter namens “Der Goldener”. Beide stammten aus nordostdeutschen Gegenden und waren vermutlich längere Zeit am rüganischen Hof zu Gast. Ihre Sprüche sind ebenfalls in der Jenaer Liederhandschrift überliefert. In der linken Spalte könnt ihr die von Friedrich von der Hagen in seinem Werk “Minnesinger” in die reine mittelhochdeutsche Form umgewandelten Verse lesen. (Die grünen Nummern kennzeichnen auch hier die Blatt-/Spaltenanfänge in dieser Handschrift.) Die rechte Spalte enthält zwei Nachdichtungen. Für den Preisspruch Frauenlobs auf Wizlaw habe ich die sehr schöne Nachdichtung von Dr. Lothar Jahn gewählt. An den des Goldeners habe ich mich selbst herangewagt und die Übertragung, wie schon beim ersten Spruch Wizlaws, kursiv gekennzeichnet.

Preis- oder Lobsprüche waren bei den mittelalterlichen Spielleuten und Sängern, die oft in sozialer Unsicherheit von einer Bleibe zur nächsten wandern mussten, ein beliebtes Mittel, bei einem freigiebigen Herrn aufgenommen zu werden. In diesen Sprüchen wurden die ritterlichen Ideale und Tugenden in oft überhöhter Form als Schmeichelung für den so Gepriesenen angewandt. Mit dem Appell an seine “milte”, an seine Freigiebigkeit also, wollten zugleich die Sänger eben diese Freigiebigkeit erheischen. Sprüche dieses Genres haben also eine bestimmte Konvention und sind in vielen Fällen schwerlich für eine Charakterisierung der gepriesenen Person heranzuziehen. Doch es gibt in manchem Spruch durchaus auch individuell geprägte Betonungen, die über die üblichen Floskeln mit dem Ziel des “Schnorrens” hinausgehen und tatsächliche Eigenschaften des Gelobten würdigen. Wenn ihr die beiden Preissprüche auf Wizlaw genauer betrachtet, findet ihr einige Hinweise auf seinen Charakter, seine Ansichten und sein Wollen und Handeln. So betonen beide seine Güte, Goldener erwähnt Wizlaws Bescheidenheit, Frauenlob lässt sie durch eine für seinen “geblümten Stil” typische Umschreibung anklingen (“Einem, der nur ungern trinkt von solchem Getränke, weil ihm ein Liter reiner Wein voll würdig Lob nicht mundet.”) und hebt Wizlaws Gerechtigkeitssinn hervor.

Die Strofe, die dem eigentlichen Lobspruch des Goldeners vorangeht, setzte schon Friedrich von der Hagen in eine Beziehung zu dem darauf folgenden Preisspruch. Er vermutete, dass mit dem “jungen Herrn” Wizlaw gemeint sei. Ein interessanter Aspekt, der vor dem Hintergrund der körperlichen Behinderung des Prinzen zu zwei Deutungen führen kann: Im ersten Fall, wenn die Handlung des Spruches (das Weitspringen) vor dem Vorfall im Rigaer Dom spielte, bei dem Wizlaw von einem Kaufmann niedergestochen wurde, dann wird das ganze Leid des Fürstensohns deutlich, der diesen Worten zufolge auch ein guter Sportler gewesen sein müsste. Da Goldener die Vergangenheitsform wählte, könnte es sein, dass er beide Strofen nach dem Anschlag geschrieben und ihn somit auf diese Weise beklagt hatte. Der “Ehrenkranz” hätte dann auch etwas mit Trost Wizlaw gegenüber zu tun. Der andere Fall wäre, dass auch die Handlung des Springens nach der zugefügten Beinverletzung läge. Goldener würde dann den weiten Sprung Wizlaws als eine ganz besondere Leistung anerkennen und zugleich befürchten, dass die “Merker” Wizlaws Zielmarke wieder zurückschieben könnten, wenn er in seiner Sprungleistung nachließe. So hätte dieser Spruch auch etwas von einer moralischen Unterstützung des hinkenden Prinzen, dass dieser in seinem Bestreben nicht nachlassen möge, gegen die Folgen der Verletzung anzukämpfen. Zugleich kritisiert Goldener aber auch, dass die “Merker” aus falsch verstandener Solidarität die Zielmarke weiter vorsetzten, als Wizlaw wirklich gesprungen ist.

Preisspruch Heinrichs von Meißen (genannt Frauenlob) auf Wizlaw von Rügen

(106ra) Grîf, herze, zuo unt hilf den sinnen ein lop smîden,
daz allen lîden
der kunst sî wolgelenke;
dem ich diz lop schenke,
der nimt ez, des ich waenen wil, vür ein guot getrenke,
sît im ein lûter myolwîn vür werdez lob niht smekket.
In verwet schame, sô er unzuht siht, vür trachen bluot;
eins engels muot
hat er ze guoten werken;
tugent laet er sich sterken
sô sêre, daz kein mensche an im kan untugent merken;
des wirt sîn lop von gernder diet breit unde lank gerekket.
Sîn bluender prîs mich des ermant,
daz ich der menge tuo bekant,
wie er genant
sî, dem gesant
diz lob ist hêr in disiu lant:
daz ist, des sî mîn triuwe pfant,
der junge von Rivien hêr Wizlâv; diz allez in im stekket.

Preisspruch des Goldeners auf Wizlaw von Rügen

(47rb) Ez waenet lihte ein hêrre junk,
er habe gesprungen einen sprunk
sô verre enwenk vür sînen sprinkgenôzen.
Ich was er einer, der dâ sâz,
dâ man der hêrren sprünge mâz;
ûf aller sprunk glîch wart ein zil gestôzen.
Ich sach, daz man des niht enliez,
dô man in sach mit guotem willen springen,
sîn zil man verre vürbaz stiez,
den er dâ sprank, des muost’ im dâ gelingen.
nu dunket im, er habe dâ lobes sô vil bejaget,
daz er dârnâch niht vürbaz welle werben.
gesen ez die merkaere, des vührt’ ich,
sie ziehen daz zil dâ hinder sich,
sô muoz sîn lop bî hôhem lobe verderben.

In êren garten wart ein kranz
geworht sô fîn und ouch sô glanz,
wie daz er eime hôhen vürsten zaeme;
Der waere getriuwe, manlîch, wîs,
unt hete hôhes adels prîs,
sus solte er sîn, der in ze houbete naeme.
Diu triuwe, kiusche und ouch diu scham
des kranzes borten drungen dâ mit vlîze,
diu milte unde ouch diu mâze alsam
in dâ durluhten mit hôhem farnîze.
dô vrâgete ich rittervrouwen, wer in solte tragen
durch sîne tugent; sie sprachen âne schande:
”des künnen wir dich bescheiden wol,
wer in von schulden tragen sol:
Wizlâve, der junge helt in Ruyelande.”

Quelle: Hagen, Friedrich Heinrich v. d. ”Minnesinger, Deutsche Liederdichter des 12., 13. und 14. Jahrhunderts I - IV”, S. 123 und 52, Leipzig 1838

Preisspruch Heinrichs von Meißen (genannt Frauenlob) auf Wizlaw von Rügen

Mein Herz, greif zu und hilf dem Geist, ein Lob zu schmieden,
Stark und entschieden
Hört alle, was ich denke,
Wenn ich dies Lied hier schenke
Einem, der nur ungern trinkt von solchem Getränke,
Weil ihm ein Liter reiner Wein voll würdig Lob nicht mundet.
Er ist voller Güte, wenn er Unrecht sieht, färbt ihn die Wut
Wie Drachenblut.
Ihn drängt’s zu guten Werken.
Die Tugend will er stärken.
Niemals war bei ihm der Sinn nach Bösem zu bemerken.
Drum wird sein Lob von Sängersleuten weit und breit bekundet.
Sein guter Ruf erfreut das Land,
Ich geb’s der Menge gern bekannt,
Wie er genannt,
Der, dem gesandt
Dies Lob, das jeden übermannt,
Es ist - dies sei mein Treuepfand -
Der junge Herr Wizlaw von Rügen, sein Ruhm die Welt umrundet.

Preisspruch des Goldeners auf Wizlaw von Rügen

Es wähnte ein Herr, der war jung,
er habe gesprungen einen Sprung,
so weit vor denen seiner Springgenossen.
Ich war einer, der da saß,
wo man der Herren Sprünge maß.
Bei jedem Sprung wurd’ ein Ziel vorgestoßen.
Ich sah, dass man es nicht unterließ -
da man ihn sah mit gutem Willen springen -
und sein Ziel weiter vor stieß
als er sprang, so müsste ihm der Sieg gelingen.
Nun schien es ihm wohl, er habe so viel Lob errungen,
dass er danach nicht wollte weiterstreben.
Sehen es die Merker, so befürcht’ ich,
sie zieh’n das Ziel wieder hinter sich.
So würde sein Lob bei hohem Lob verderben.

Im Ehrengarten war ein Kranz,
gewirkt so fein und mit viel Glanz,
sodass er einem hohen Fürsten zieme.
Der wäre getreu, männlich, weise
und hätt’ hohen Adels Geiste.
So sollte er sein, der ihn zu Haupte nehme.
Treue, Sanftmut und das Ehrgefühl
sind in des Kranzes Band mit Fleiß geflechtet.
Der Güte und auch der Bescheidenheit viel
ihn mit glänzendem Firnis hell erleuchtet.
Da fragt’ ich der Ritter Frauen, wer ihn sollte tragen
wegen seiner Tugend. Sie sprachen’s ohne Schande:
”Das können wir dir sicher sagen,
wer ihn mit Ehren soll tragen:
Wizlaw, der junge Held im Rügenlande.”

Quelle: Dr. Jahn, L. ”Wizlaw, der Verführer - Sänger und Herrscher auf Rügen (Programmheft)”, Hofgeismar 2003 (Lobspruch von Heinrich von Meißen)
Lieber Lothar, vielen Dank für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung dieses Textes
!

Der Spruch “In dem vngelarten.” aus der Colmarer Liederhandschrift

In der Colmarer Liederhandschrift aus dem 15. Jahrhundert ist als Ton Nr. 111 ein dreistrofiger Spruch mit dem Titel “In dem vngelarten.” tradiert. Es ist aber fraglich, ob dieser Ton wirklich dem Ungelarten zugeordnet werden kann oder ob ein anderer Dichter ihn in dessen Tradition verfasst hatte. Man muss auch berücksichtigen, dass die Meistersinger den Ungelarten als einen ihrer Vorbilder angesehen hatten und zwei ihrer Töne, die “Pflugweise” und den “fremden Ton”, auf den Lehrmeister Wizlaws zurückführten. “In dem vngelarten” kann lediglich bedeuten “Im Ton des Ungelarten geschrieben”. Wie schon an einer anderen Stelle von mir geschrieben, existiert leider keine zeitnahe Überlieferung seiner Sprüche und Lieder. Der früheste Bezug auf den Ungelarten findet sich erst über hundert Jahre später in eben dieser Colmarer Liederhandschrift. Hier folgt nun der Spruch, bei dem stilistisch und inhaltlich vieles auf das 15. Jahrhundert deutet. Sollte dieser Text aber tatsächlich auf einer Originalquelle des Ungelarten beruhen, dann zeugt er von einem wahrlich meisterhaften Lehrer des Fürstensohnes. Die Nachdichtung stammt vom Autor dieser Website und ist wie gewohnt kursiv geschrieben.

In dem vngelarten.

Sang ist ein wyse meinsterschaft, als ich uch will bescheyden;
das kumpt von speher wortes craft hie uff der kunsten heyden.
Wer sangesmeister welle sin, der tret in dysen tancz!
Der meß die rymen mangerlei, alz silben zal es bringet,
bunt wyder bunt: an bunden zwey ein differencz ußdrynget.
Equivoca er myden sol, so bluemet er den crantz.
Ob er die kunst herzeugen kan, das kumpt von wysen synnen dar;
Das merkent, frauwen unde man, ir werden herschaft, nement war!
Und kann er meßen silben zal, die ryme schon probieren,
vor hohen fuersten uf der wal die melodie notieren:
hat er dieselben kunst, so mag sin ticht wol werden ganz.

Retorica die muess er han zu allen spehen dingen;
sie kan die rimen bluemen schon und rechte wort volbringen;
die selbe kunst git gutt gesprech vil manger wiser dyet.
Musica ist ein anefang in aller melodye,
sie wist die kunst der puencten gang, die heyst jeomatrye;
ein senger singen lutern sol alz kern von schall uff schiett.
Das rat der meister von natur, der fert uff hoher kuenste pfatt.
Gramatica und ir fyguer uf rechter warheit nie getrat.
Dieselbe kunst er truetten (sol ir meinsterliches kunden
sie) bryset und ist worheit vol; waz dar uff wirt gespunnen,
so mag eyn man verdienen wol vil briff und eren myet.

Weder zu breit die circkel mass verlengen noch verzuecken,
er sol uff kunstenricher strass kein czentrum nit verruecken,
er sol auch muesig sin getan naturig ein urspring.
Philosophy die mueter zart kann sym wol geben steure,
so kuempt ynn loyck uff der fart mit irer liste fuere;
astronomy herczoget ym der firmamenten rinck.
Wil er der kuenste sin genossen, daz kompt von wisen synnen an,
mit cluegen silben underschossen: daz merckent frauwen unde man!
Wil er nach hohen kuensten fragen sins meinsterlichs materien,
so soll er uff der künsten wagen (gar) schyffen ane fergen
und fry vor hohen fuersten stan, daz syn gesang icht hinck.

Quelle: Runge, Paul ”Die Sangesweisen der Colmarer Handschrift und die Liederhandschrift Donaueschingen”, Leipzig 1896

Im Ton des Ungelarten

Sangeskunst ist eine weise Meisterschaft, ich will es euch sagen,
sie kommt von schöner Worte Kraft, verbunden mit der Weisheit.
Wer Sangesmeister sein will, der trete in diesen Tanz!
Der mess die Reime mancherlei, wie viel der Silben Zahl sie bringen,
Reihe mit Reihe: An zwei der Reihen sprießt eine Differenz hervor.
Gleichheit soll er meiden, nur so schmückt er den Kranz.
Ob er die Kunst erzeugen kann, das kommt von klugen Sinnen her;
das merkt, ihr Frauen und Männer, ihr würdige Herrschaft, nehmt es war!
Und kann er messen der Silben Zahl, die Reime sich schön erweisen,
vor hohen Fürsten auf besonderer Weise die Melodie notieren:
Besitzt er diese Kunst, so mag sein Gedicht vollkommen werden.

Die Rhetorik muss er haben zu allen schönen Dingen;
Sie kann die Reime schmücken, schöne und wahre Wörter vollbringen;
die selbe Kunst gibt gute Reden vielen weisen Leute.
Die Musik ist der Anfang in aller Melodie,
sie weist der Kunst den Weg zum Mittelpunkt, der heist Geometrie;
ein Sänger soll klar singen, als des Gesanges Kern mit Unterschied.
Das lehrt dem Meister die Natur, dieser geht auf der hoher Künste Pfad.
Grammatik und ihre Bedeutung mit Wahrheit nie bedacht.
Die selbe Kunst soll er lieben, ihre meisterliche Kunde
erfassen und voller Wahrheit sein; wird darauf gewebt,
so mag ein Mann viel Preis und Ehrenlohn verdienen.

Weder zu weit der Zirkel Maß in die Länge ziehen noch verdrehen,
er soll auf künstenreicher Straße die Mitte nicht verrücken,
er soll auch frei und natürlich geworden sein, wie eine Quelle.
Philosophie, das liebliche Gemüt, kann ihm wohl Hilfe geben,
so erscheint ihm als eine Flamme auf dem Weg, mit ihrer Weisheit Feuer;
die Astronomie zieht ihm die Kreise am Firmament.
Will er der Künste ein Genosse sein, das kommt mit weisen Sinnen an,
mit kluger Silben Stütze: das erkennt, ihr Frauen und Männer!
Will er nach hohen Künsten forschen seines meisterlichen Stoffs,
so soll er auf der Künsten Flut gar schiffen ohne unterzugehen
und frei vor hohen Fürsten stehn, auch wenn sein Gesang etwas hinkt.

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