Wappen der 'verbürgerlichten' Wizlawiden

Free counters!



powered by FreeFind
Tschüss Vattenfall! - Diese Website wurde mit sauberem Strom der EWS Schönau erstellt.
Fukushima mahnt: Alle AKWs abschalten!
Keinen Krieg! Nirgends!
Nie wieder Faschismus!
BuiltWithNOF
Minnetuch

Die neuhochdeutschen Nachdichtungen der Lieder und Sprüche Wizlaws

Hier lest ihr die Nachdichtungen der Lieder und Sprüche Wizlaws. In der linken Spalte stehen die von Dr. Erich Gülzow im Jahr 1922 verfassten, der die Übertragungen von Dr. Theodor Pyl aus dem Jahr 1872 überarbeitet hatte. Diese Texte atmen natürlich den Geist und den Geschmack der Zeit um 1900 und wirken daher auf uns sicher etwas “angestaubt”. In der rechten Spalte lest ihr dagegen die ganz modernen Nachdichtungen von Dr. Lothar Jahn vom Musiktheater Dingo, das diese Anfang August 2003 auf der Insel Rügen im Singspiel ”Wizlaw, der Verführer - Sänger und Herrscher auf Rügen” erstmalig zu Gehör brachte. Die roten Überschriften geben den Bezug zu den mittelhochdeutschen Originaltexten an und die blauen sind die von den Nachdichtern gewählten Überschriften. Die grün dargestellten Texte wurden an fehlenden Textstellen frei erfunden eingefügt. Für den Spruch Ihc wil singhen gibt es keine vorhandenen Übertragungen von Pyl/Gülzow, da er erst seit jüngerer Zeit allgemein anerkannt dem Œuvre Wizlaws zugeordnet wird. Deshalb hat der Autor dieser Website sich an eine Nachdichtung gewagt und diese kursiv gekennzeichnet.

Wenn ihr auf das erste Bild neben diesem Text klickt, bekommt ihr die Minnelieder und Sprüche Wizlaws als PDF-Dokument. Die 1. Spalte enthält die Originaltexte in mittelalterlichen Majuskeln und Minuskeln ähnelnde Schriftarten (GoticaBastard für die Überschriften und MorrisRoman für die Strofen). In der 2. Spalte steht eine mittelhochdeutsche Normierung der Texte und in der 3. Spalte findet ihr meine eigenen Nachdichtungen.
Beim Klick auf das zweite Bild erhaltet ihr ein
PDF-Dokument mit den zu den Tönen Wizlaws gehörenden Melodien in der überlieferten Quadratnotation. Die Seiten sind aus dem alten Werk von Fr. H. v. d. Hagen eingescannt, deshalb habt bitte Nachsicht bei der Qualität. Beachtet bitte auch, dass das Dokument sehr groß ist (3,6 MB).

Liebe Spielleute und Minnesänger von heute, extra für euch:

Wizlaws Texte als PDF-Download Wizlaws Melodien als PDF-Download

Ihc wil singhen
(früher Meister Friedrich von Sonnenburg (Spruch IV) zugeordnet, jedoch äußerst wahrscheinlich aus der Feder Wizlaws)

Ich will singen
in der neuen Weise ein Lied
von dem, der mich erschaffen hat.
Der mag mir geben
und nehmen, was er will.
Ich will bringen,
dazu Herz und den Sinn ich beriet,
dass all mein Heil durch ihm besteht.
Leib, Gut, Geist, Leben,
was all das ist, er vermag viel.
Obwohl ich meine Freud’ verlor, die ich zu Recht habe ...
(fehlendes Blatt)

I. Menschen kint denket dar an

Mahnung in böser Zeit
Menschenkinder, denkt daran,
So ich euch noch raten kann:
Hat’s auf Erden doch den Schein,
Der jüngste Tag wollt’ kommen.
Hat’s auf Erden doch den Schein:
Nicht traut das Kind dem Vater sein,
Der Vater traut dem Kinde nicht;
So haben wir’s vernommen.
Wollt Buße tun,
Und danket nun,
Wenn ich’s euch erzähle,
Dass ihr zur Zeit
Nicht Schaden leid’t
Gar an eurer Seele!
Müsst ihr den Geist aufgeben,
Verlieren euer Leben:
Dann schützt Buße euch vor Not
Und dienet euch zum Frommen.

Ave Maria
Maria, dein hold Gemüt
Hohe Seligkeit durchzieht,
Als der frohen Botschaft Wort
Mit “Ave” dich begrüßet.
Die keusche Demut dich verschönt,
Als es aus deinem Munde tönt:
“Gottes Will’ gescheh’ an mir,
Wie seine Huld beschließet.”
Vom Himmelsthron
Kam Gottes Sohn,
Den du, Jungfrau, geboren;
Aus Gottes Schoß
Er dir entspross,
Für uns zum Heile erkoren.
So kam zur Welt, o Jungfrau, dein Sohn,
Der durch uns litt der Kreuzigung Hohn,
Der durch uns trug des Todes Pein,
Dass Heil für uns entsprießet.

Der Hausbau
Ich wähnt’ zu bau’n auf eine Stätt’,
Der Boden mir sich senken tät,
Denn grundlos war das Fundament,
Mein Haus begann zu fallen.
In der Grube schon ich lag;
Doch Er kam, der all’s vermag,
Er hob es auf mit seiner Hand.
Laut mag ihm Dank erschallen!
Ich rief also:
Alpha und O,
Dir das Lob gebühret;
Du kannst erbau’n
Auf Himmels Au’n,
Dass es nicht sich rühret;
Meer und Land sind ohne Macht
Und haben deiner Weisheit acht,
In deinem Willen steht die Welt;
Unsre Worte verhallen.

Erdenlust und Höllenschlund
Zu Rom einst geschah ein Wunder groß:
Ein Feuer brach aus der Erde Schoß;
Und als sich stets die Flamme vermehrt,
Hat ihnen ihr Gott verkündet:
“So wer mit freiem Willen sein
In voller Rüstung ritt’ hinein,
Dann würde das Feuer erlöschen.” -
Und bald ein Ritter sich findet.
Man ließ ihn nun
Ein Jahr lang tun,
Wonach sein Herz begehrte.
Was er auch wollt’,
Man blieb ihm hold;
Nicht Weib noch Magd ihm wehrte.
Drauf nach Jahresfrist zur Stund
Ritt er gewaffnet in den Grund,
Und sieh, des Feuers Flamme erlosch,
Die in der Erd’ entzündet.

Rätsel
Nun ratet einmal, was das wohl sei:
Es wohnt uns allgemeinlich bei
Und ist uns allen untertan,
Und doch tut’s uns regieren.
Bis es wird, mag groß es sein
Und ist doch wie eine Erbse klein;
Oft seh’n wir’s auch zu unserem Leid
Gar dumme Streich’ vollführen.
Es ist so reich,
Ich weiß ihm gleich
Nichts in meinem Leibe;
Dazu so klug,
Und doch mit Fug
Treibt’s den Mann vom Weibe.
Vollkommene Macht es hat
Und gibt zu allen Dingen Rat,
Und doch nichts Dümmeres je es gab -
Nun sucht ihm nachzuspüren!

Gebet zum Heilande
Ich will bitten in der Zeit,
Dass deine Hilfe mir bereit;
Mög’ sich der Gnade ewiges Heil,
Jesus, mir offenbaren!
Nimmer ohne dich vermag
Ich je zu leben einen Tag,
Verleihe deine Hilfe mir,
Behüt mich vor Gefahren!
O habe acht!
Des Bösen Macht
Droht mit seinen Schlingen;
Es hat zum Ziel,
Mit argem Spiel
Mich ins Netz zu bringen.
Du wolle nun mein Heiland sein,
Sonst zieht er mich doch hinein;
Erfülle, Herr, drum meinen Geist,
Stets wolle mich bewahren!

Nebukadnezars Traum
Dem Könige Nabuchodnosor
Kam’s in seinem Traume vor,
Dass er ein Bildnis vor sich sah
Gar groß, von prächtigem Schimmer.
Es ragt’ bis in den Himmel hinein,
Sein Haupt hatt’ einen goldnen Schein,
Die Arme glänzten silberweiß,
So etwas sah er nimmer.
Die Brust von Erz,
Doch niederwärts
Der Leib von Kupfer zu sehen,
Die Schenkel Stahl,
Doch allzumal
Auf tönern’n Füßen stehen.
Und wie er blickt nach dem hellen Schein,
Da rollt von dem Berg herab ein Stein,
Der schlägt mit Allgewalt darein,
Das Riesenbild in Trümmer.

Einst hatt’ die Welt wohl goldnen Schein,
Doch der musst’ bald verloren sein;
Danach erschien die silbern’ Zeit,
Wohl stand die Welt bei beiden.
Hernach das ehern’ Alter kam,
Gold eine kupfern’ Farbe nahm;
Das ist bei unsern Zeiten geschehn,
Des klagen Christen und Heiden.
Endlich sie ward
Wie Eisen hart,
Die Klagen neu erschallen;
Der tönern’ Fuß,
Der macht den Schluss,
Der bringt die Erde zu fallen.
Der große Stein ist Gottes Kraft,
Am jüngsten Tag er neu sie schafft,
Und welche alsdann nicht wohlgetan,
Die wird er von sich scheiden.

Warnung vor dem Schicksalsglauben
“Nicht anders ist es mir bestimmt,
Es fügt sich so” - wer das annimmt,
Der bringt es im Leben leicht dazu,
Dass er sich selbst betrüget.
“Bestimmung” und “Das ist mein Los” -
Wer’s sagt, ist an Torheit groß,
Sich selbst betrügt er und die Welt;
Dies Wort ist falsch gefüget.
Folgt dann ein Leid,
Er ist gefeit, -
Dann heißt’s:  “So musst’ es kommen.”
Das darf nicht sein!
Drum höret mein:
Nie hab’ ich das vernommen
In Predigt und in Bücher Lehr’.
Wo nehmen es nur die Toren her?
Womit beweisen sie den Trug? -
Ihr Spruch sie selber belüget!

Lobspruch dem Grafen Erich von Holstein
Aus Herzensgrund mein Wort erklingt,
Das alle reichen Ehren bringt,
Dem Herrn von Holstein sei’s geweiht,
Den hab’ ich euch gepriesen.
Niemals sah ich einen Mann,
Den so hoch ich rühmen kann,
Der einen Fehltritt nie getan;
Frau Ehre will ihn erkiesen.
In seiner Jugend
Hat er schon Tugend
Sich auserwählet;
Ihm ward dafür
Des Preises Zier,
Die Schande blieb ihm verhehlet.
Männer und Frau’n ihn nennen gut,
Deswegen hat er steten Mut.
Lob ihm, dem schon in blühender Jugend
Der Ehren-Pfad gewiesen!

II. Saghe an du boser man

Strafe des Neides
Falscher Mann, warum allein
Grollst du voll Neid
Diesem Biedermann?
Er gönnt dir doch alles Heil
Ohne Falsch im Herzen.
Er soll dir willig sein
Und jederzeit
Dir ein Untertan;
Doch wenn den Wunsch er nicht erfüllt,
Wurmt es dich mit Schmerzen.
Bleib, wie du bist, doch büße für diese Sünden,
Nicht steh dem Biedermann im Wege,
Gönne ihm, die Ehren zu erlangen:
Fürwahr, dein Zorn wird sie ihm nicht entwinden.
Du nur verschuldest diese Zwietracht,
Dich hält ja Schalkheit arg umfangen.
Doch dir, du Ehrenmann, wünsch ich ein glücklich Leben,
Ich steh dir zur Seit;
Strafe sei bereit,
Jenem Schalk der Bosheit Lohn zu geben.

Bußlied
Diese heilige Zeit
Sieht mich bereit,
Zu singen ein Lied
Von dem, der mich erschaffen hat,
Vom Schöpfer der Dinge.
Hilf, dass ich werd’ befreit
Von Sünden Leid,
Dass Buße geschieht;
Für jeden Fehl, den ich getragen,
Gnade du mir bringe!
Schwacher Geist verlangt nach Glaubensmute,
Drum leih’ mir deines Geistes Waffen;
Unwürd’gem nimmer sei gespendet,
Was von deinem Reich mir kommt zugute.
Wizlaws Weisheit reicht nicht aus: Du bleibst
Stets ein willkommner Gast gesendet,
Du hast mich teu’r erkauft mit deinem Blute.
Heil’ge Jungfrau rein,
Bitt zum Kinde dein,
Dass seine Gnade immer auf mir ruhte!

III. Ich partere dich durch mine vrowen

Der Minne Treue
Hoch preise ich dich in meiner Treue,
Die ich dich lieblich sah vor meinen Blicken.
Sei mein, Geliebte, mich allein erfreue
Mit allen Reizen, die dein Wesen schmücken!
Wer möchte Liebe dir vergüten
Als Gott, des Gnaden dich behüten!
Wohl muss ich auch Gnade mir erflehen,
Soll vor Minne dein ich nicht vergehen.

IV. Der vnghelarte hat ghe machet eyne senende wise

Der Minne Klage
Der Ungelehrte
Hat gedichtet sehnsüchtige Weisen:
Wahrlich, ich leide große Not,
Eh’ ich vollendet solch’ klagende Töne.
Wie’s mich beschwerte,
So in der Kunst des Gesanges zu preisen!
Solch ein Lied mir noch nie sich bot,
Aber nun dünkt’s mich von doppelter Schöne.
Nun ist’s vollbracht, denn mich beherrscht der Liebe Allgewalt.
Für die Männer und die Frauen und zur Lust für jung und alt
Singe ich jetzt gern sehnsüchtige Weisen,
Ewig schön und köstlich hoch zu preisen.
Herz sei froh: wie durch Zauber seh ich meine Kunst vollenden;
Freuet alle euch mit mir: ich vermag der Liebe süßen Boten jetzt zu senden.
 

V. Nach der senēden claghe můz ich singhen

Der Minne Freude
Nun ich sehnsüchtige Weisen vollendet,
Sei mir Freude gespendet!
Danach streben Herz und Sinn.
Dass ich möchte leben ohne Sorgen,
Wäre im Glück geborgen,
Hoher Mut wär’ mein Gewinn.
So bewält’ge ich die sehnenden Weisen,
Dass ich hoch zu preisen,
Freudig wohl bis zum Alter des Greisen
Ohne Sorge bin.

Der Minne Waage
Ein lieblich Fest, von hoher Würde begleitet
Hat Minne mir bereitet;
So oft ich denke dieser Pracht,
Seh ich ihr Bild in holden Zügen
Im Geist vorüberfliegen,
Es trifft mich ins Herz mit Macht.
Es glänzet so klar als wie die Sonne;
Gibt es höh’re Wonne?
Ich wähn’, ihre Schönheit zwingen könne
Minne - Göttins Macht.

Sie traf mich tief ins Herz mit ihren Blicken,
Die Flammen voll Entzücken
Mir in meine Augen senden.
So beraubte sie mich fast der Sinne,
Ein Bild der holden Minne;
Ich bin ganz in ihren Händen.
Wird Frau Minne gleich die Waage stellen,
Gleichen der Liebe Wellen,
Dann wird sich die Holde mir gesellen;
Lieb’ wird Liebe spenden.

VI. Manich scimphit vph sin eygen tzil

Warnung vor Übermut
Mancher verscherzt sein eigenes Heil,
Weisheit ward ihm nie zuteil,
Läg’s auch in der Nähe.
Und spricht doch Schande auf jedermann,
Er, der Ehre nie gewann,
Dass solch Wort mich schmähe.
Solch höhn’scher Spruch
Ist oft genug
Aus seinem Munde ergangen;
Sein arger Witz,
Der dünkt mich so spitz,
Als sei er von list’ger Schlangen.
Gott, gib dem übermüt’gen Mann
Weiberplag’, der Männer Bann;
Vor ihr der Schalk vergehe!

VII. List du inder minne dro

Des Wächters Ruf
(fehlendes Blatt)
Ein Ritter froh ohne Sorgen
Wohl seine Braut umfing;
Schon nahte lichter Morgen,
Des Wächters Ruf erging:
...
”Lässt du Minne dich umfahn?
Ich seh den lichten Morgen nah’n,
Es heben die Vögel zu singen schon an.”

Der Ritter hört’s voll Sorgen,
Sprach zur Geliebten sein:
“Aufs neue komme ich morgen,
Dann bist du wieder mein.”
Sie schlang um ihn den weißen Arm
Und küsst’ ihn auf den Mund so warm:
”Ach Ritter, in Liebe dich meiner erbarm.”

Doch als es galt zu scheiden,
Da war das Weinen groß;
Er schwor mit teuren Eiden:
“Ich halt’, was ich beschloss.”
Doch sie weinte für und für,
Sie sprach: “Geliebter bleib bei mir!”
Er sprach: “Ja, morgen bleib ich hier!”

VIII. Ich warne dich vil iungher man ghe tzarte

Mahnung zum Edelmut
Ich mahne dich, von Jugendglück umfangen,
Zu edlem Mut.
Erwart’ es nur, du wirst das Heil erlangen,
Denn du bist gut.
Mög’ falschem Rate du entweichen,
Die Heiligen das Böse von dir scheuchen,
Einst dich empfangen in Gottes hohen Reichen.

IX. Uve ich han ghe dacht

Der Minne Traum
Wie oft ich dacht’
All diese Nacht
An meine Liebessorgen!
Ihr gilt mein Tun,
Lässt mich nicht ruhn
Bis an den lichten Morgen.
Und träumend zu empfangen
Der Minne Gruß,
Des Mundes Kuss:
Stillt wonnig mein Verlangen.

Du holde Maid,
Bist du geweiht,
Dass du mich sollst verderben?
Wer Gunst begehrt,
Von dir beschert
Wird Seligkeit er erben.
Drum spende frohe Kunde:
Der Minne Pfand,
In meine Hand
Gib es aus Herzensgrunde!

Denn was ich sang,
Noch nicht gelang
Zu erben deine Minne.
Des leid ich Not,
Und bittren Tod
Ich mir davon gewinne.
O höre doch mein Flehen,
Denn ewiglich
Wirst du für mich
In meinem Herzen stehen!

X. De erde ist vnt slozen

Maienreigen
Die Erde ist erschlossen,
Die Blumen sind entsprossen,
Reich haben wir genossen
Von der Maienblüte Duft.
Die Vögel schon lieblich singen,
Hoch auf die Zweige sich schwingen
Und Freudengrüße bringen;
Frei ist vom Reife die Luft.
Die Kälte ist verschwunden,
Wir haben schon gefunden
Den Mai in voller Blüte.
Winter, dich behüte!
Sommer kommt ins Gemüte!

Die Blumen sind gebunden,
Die Kränze sind gewunden,
Als Schmuck sind sie erfunden
Zum Reigen den holden Frau’n.
Gerötet sind die Wangen,
Vom Maienlichte umfangen
Sie wie Rubine prangen,
Im Farbenschmelze zu schau’n;
Ein Bild, zum Schmuck erfunden,
Von Sorge zu gesunden:
Hinschwebend über den Wiesengrund
Spricht wonnig ihr roter Mund,
Für alle Welt ein Freudenfund.

Da brennen manche Herzen,
Entzündet gleich den Kerzen,
Von großer Minne Schmerzen:
Holde Minne, sieh dich vor!
Umsonst wirst du dich wehren!
Wer wird daran sich kehren?
Du musst die Gunst gewähren:
Nicht spröde schließ das Tor
Vor deiner Minnen Diebe,
Nein, schenk ihm frohe Liebe;
Bist ja mein Glück alleine,
Süße Frau, du reine,
Du bist’s, die treu ich meine!

XI. Uvol vph ir stolzen helde

Mailied der Helden
Wohlauf, ihr stolzen Helden,
Nun eilet, euch zu melden
Zu des Maien Felden;
Nicht achtet, die euch schelten,
Denn die Zeit ist wonnegleich.
Die Bäume sind gekrönet,
Der Zweig mit Laub verschönet,
Der Vögel Gesang ertönet.
Nicht achtet, wer euch höhnet!
Es blühet des Maien Reich.
Jetzt tretet auf des Angers Plan, es töne
Nun mit den Vögeln neuer süßer Wettgesang,
Und des Maien Frühlingsseligkeit verschöne
Euren Mut,
Wenn im Arm der süßen Frau ihr ruht!
Der Mai hat uns gegeben
Mit sich ein fröhlich Leben,
Nach Ehrenglanz zu streben,
In Freuden zu schweben;
Drum singet dem Maien Dank!

Wenn der Mai sich erschließet,
Uns der Vögel Gesang begrüßet
Und das Leben versüßet,
Auch uns kein Kummer verdrießet,
Dann lobet des Maien Blüte!
Doch wenn uns holde Frauen
Minniglich anschauen,
Dann flieht der Mai ohn’ Grauen,
Sie mögen erbauen
Uns schöner als Maien Güte!
Nun haben wir beide, Frauen und Maien,
Nun tanzet und springet beim Festgesange,
Immer mögt ihr des Lebens euch freuen!
Ohne Harm
Ruhet die Braut in Mannes Arm.
Zagt nicht, ob wahr ich riete,
Nicht wehrt des Herzens Güte,
Kommt fröhlich im Gemüte -
Bald welkt Maien Blüte:
Drum folgt dem wonnigen Klange!

Magst du dich zu mir wenden,
Wirst du mir Freude senden,
Mit deinen zarten Händen
Ein Band der Freude spenden:
O dass du mich erhörtest!
Lange habe ich gesungen,
Hoch ist dein Lob erklungen;
Doch ist’s mir nicht gelungen,
Nimmer hab ich es errungen,
Dass du mir Huld gewährtest.
Woher die Macht in deinem Herzen, Fraue,
Dass ich von deiner Minne nicht genesen mag?
Du bleibest meiner Freude Bild, ich schaue
Holde dich,
Vor allen Frau’n beglückst du mich.
Wizlaw der Junge singet
Dies Lied; sein Herz es dir bringet.
Und endlich doch’s gelinget,
So sehr sie sich auch zwinget,
Dass heut’ sei mein Freudentag.

XII. Meyie scone kum io tzů

Maifrost
Mai komm endlich doch ins Land,
Du wirst nie zu früh gesandt:
Wir zagen!
Frauen schließen dicht ihr Kleid,
Das ist mir von Herzen leid:
Wir klagen!
Ihre Festgewänder sie nicht zieren;
Ach, Mai, das kannst nur du zu Ende führen.
Sieh, Mäntel ziehn sie um die Brust!
Winter, das ist arge Lust
Von Kälte!

Huldigung schwör ich dir gern,
Doch halt diesen Frost uns fern:
Das lasse!
Doch es ist dein’ alte Plag’,
Dass wir müssen unter Dach;
Ich hasse
All das schwere Leid, mit dem du höhnest.
Nur damit, Winter, einzig du versöhnest:
Das ist freudenlange Nacht,
Die dich hat zur Huld gebracht:
Die halte!

Also müsst’ es immer sein!
Frauen lichter Augenschein
Erfreuet.
Liebesglück werd’ uns zuteil,
Täglich jubelnd sei unser Heil
Erneuet.
Wenn mich alsdann ihr holdes Wort beglücket,
Seligkeit mein ganzes Sein entzücket:
Ruf ich: “Du holder, roter Mund,
Heil, Heil, Heil zu aller Stund’!
Gott mit dir!”

XIII. Der walt vñ angher lyt ghe breyt

Maiensonne - Minnenwonne
Seht, Wald und Flur stehn schon bereit
Mit wonnenreichem Farbenkleid!
Weit hallen lieblicher Vögel Töne;
Sie üben ihren süßen Schall
Mit frohem Herzen überall.
Tal und Hügel prangt in Blütenschöne.
Springt - singt - klingt!
Rauschen des Maien Wellen; Quellen Schwellen -
Seht, Freude tönt ringsum von Flur und Felsenstegen
Mir entgegen!

Viel Segen ruht auf grünen Au’n,
Die Gottes Hände uns erbau’n.
Traun, wonnig ist die Augenweide!
Sie scheuchen aller Sorgen Spur,
Doch Schöneres erschuf Natur:
Nur wer ein Weib liebt, hat die Freude.
Trau - schau - bau
Auf dich, holde Meine! Scheine Deine
Huld auf mich, du Minnenbild, o lass mich nicht verderben,
Sonst muss ich sterben!

Minne, allzugroß ist deine Huld,
Fast sterbe ich vor Ungeduld:
Schuld Trägst du an dem Liebesspiele.
Du bist es, die mich so bezwingt,
Die mir tröstliche Freuden bringt.
Singt Ihr dankend als Glückesziele!
Hört - ehrt - schwört!
Lob und Dank ich grüße - Fließe, Sprieße
Liebeswort - Höher dich zu preisen diesen Tag
Wizlaw nicht vermag!

XIV. Uvol dan her meyie

Maienfrostes Ende
Wohlan, Herr Mai, ich gebe jetzt euch hohe Ehren,
Nun schreitet meine Frau im Festgewande;
Jetzt schmückst du sie - nicht länger durft’ es währen,
Dass Schnee und Eis und Sturm beherrscht’ die Lande.
Erschlossen ist der Schrein,
Ihr Kleid schmückt Edelstein;
Sie trat zur Tür,
Und lächelnd sprach sie dann zu mir:
”Geliebter, gefall ich dir?”

Es weiß meine Frau, ich lobe den Maien,
Doch wahr ist’s, dass lieber von ihr ich höre.
Sie ersinnt ja mit Liebe mich stets zu erfreuen,
Sie ist’s, die ich unter tausend erköre.
Wo gibt es auf Erden hier
Unterm Himmel solche Zier
Von Lieblichkeit,
Die Gottes Güte ihr verleiht
Als schönstes Ehrenkleid!

Wollte mein Wille jemals hart ihr scheinen,
Gern ließe ich der Wünsche höchsten schwinden:
O möcht’ mein Wille sich mit ihr vereinen,
Im ew’gen Bunde Herz zum Herzen sich finden!
Leicht ist der Wunsch gestillt,
Bald sich mein Glück erfüllt.
Nah ist die Zeit,
Dass ihre Liebe mich erfreut,
Holde Wonne ist bereit.

XV. De voghelin

Der Minne Turnier
Die Vögel sing’n
Und auf des Maien Laub sich schwing’n,
Laut die süßen Töne kling’n
Lockend zum Gemüte.
Der Lenz erneut
Schon der Flur ihr Farbenkleid,
Gelb, rot und weiß er Blumen streut
In des Laubes Blüte.
Hold anzuschau’n
Liegen reich geschmückt die Au’n,
Jung und Alten, Mann und Frau’n
Rechte Augenweide.
Was der Maie erschließt,
Reich im Sonnenscheine ersprießt;
Wen der Arm der Liebe umschließt,
Der hat Herzensfreude.

Nun rüstet hier
Mit der Waffen edler Zier
Reiterscharen und Turnier
Euch zum Ruhmeskranze!
Kehrt ihr zurück,
Dann winkt euch der Freude Glück
Aus der holden Frauen Blick,
Die geschmückt zum Tanze.
Tragt hohen Mut!
Wenn ihr Auge auf euch ruht,
Winket euch das höchste Gut,
Das euch kann belohnen.
Regt sich Lustgefühl,
Wähle ich ihr Herz als Ziel.
Dann ist minniglich Kampfesspiel,
Reich an Siegeskronen.

So leb ich gern,
Sie sei meines Auges Stern,
Alle Sorge sei uns fern:
Möcht’ es ewig währen!
Lass, Vorbild mein,
Deine Huld mein Führer sein;
Lös’ mich von der Sorge Pein:
Du könnt’st mich entbehren!
Wer kennt die Zeit,
Dass neidlos Minne uns erfreut!
Manchen hat es schon gereut:
Habe drum Erbarmen!
Ganz umstrickt ich bin
Von dem minniglichen Sinn:
Ich such’ Lebens Hochgewinn
Nur in deinen Armen!

XVI. Loybere risen

Trost im Winter
Die Blätter wehen
Von den Bäumen in das Tal,
Öd’ ist’s in den Zweigen.
Blumen vergehen,
Kränze sind verwelket all’,
Die geschmückt den Reigen.
Es starrt der Bäume
Wurzel von Reif und eis’gem Frost:
Ernst wird mir im Sinn und betrübet.
Kommt, holde Träume,
Bringt dem Winter linden Trost!
Neue Freude werde geübet!

Lasst uns begrüßen
Tausend Freuden hier zur Stund’,
Mehr als Mai kann bringen!
Rosen ersprießen
Auf der Frauen rotem Mund,
Die lasst uns besingen!
Mag Winter toben -
Ist doch um ihr Angesicht
Aller Reize Duft gestreuet.
Sie sei erhoben!
Höh’re Wonne kenn ich nicht,
Wenn die Minnigliche mich erfreuet.

XVII. Der herbest kumpt

Herbstes Gabe
Der Herbst bringt reicher Früchte Zier;
Menschen, achtet ihn dafür!
So er kommt vor eure Tür,
Froher Dank erschalle!
Bier und Met und guter Wein,
Rinder, Gänse, fette Schwein’ -
Muss des Menschen Herz erfreun;
Hahn kräht uns im Stalle.
Was der Erde Schoß erschloss,
Menschen, das für euch entspross,
Selbst im Wasser die Fische.
Des mögen wir fröhlich leben hier;
Wem’s Gott ... beschieden für und für,
Der setze sich froh zu Tische!
(fehlendes Blatt)
 

Quelle: Gülzow, Erich ”Des Fürsten Wizlaw von Rügen Minnelieder und Sprüche”, S. 27-63, Greifswald 1922

 
 
 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Schicksalslied (2)
Ich baute mir ein Haus am Meer
Auf Sand, ein Haus so groß und schwer,
Doch unterm Stein, da war kein Grund,
     mein Haus begann zu fallen.
Es fiel so tief, nichts blieb mehr steh’n,
Wem könnte Schlimmeres gescheh’n?
Nur er hat mir die Hand gereicht,
     nun soll mein Lied erschallen:
“Nur einer kennt
Anfang und End,
Den will ich nun preisen.
Wer auf Dich baut
Und Dir vertraut,
Herr, dem wirst du weisen
Seinen Weg aus allem Weh.
Dann droht weder Erd noch See,
In Deiner Gnade ruht die Welt,
     Du bist Hoffnung uns allen.”

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Rätsel
Nun rat’ ein Weiser, was das sei:
Ein jeder trägt es stets dabei
Es ist uns allen untertan
   und will uns trotzdem lenken.
Es kann von stolzer Größe sein,
Doch auch wie eine Erbse klein,
Durch seiner Herrschaft Urgewalt
     kann’s uns viel Ärger schenken.
Es ist so reich,
Nichts ist ihm gleich
In uns’rem Leibe.
Dazu so klug
Und oft genug
Trennt’s den Mann vom Weibe.
Es weiß zu allen Dingen Rat,
Zeigt seine Macht in jeder Tat,
Doch dümmer ist’s, als ihr je wart!
Was ist’s? Könnt ihr’s euch denken?

Gebet
Gott, schenk mir in dieser Zeit,
Deine Gnade. Denn das Leid
Droht mir weiter Tag für Tag,
   Herr, nun hab Erbarmen.
Seit ich ohne Beistand lag,
Sah ich keinen guten Tag,
Keiner konnte helfen,
     doch nun preis’ ich Deinen Namen.
Dass Dein Licht
Den Schmerz zerbricht,
Darum will ich bitten.
Der Sünden Qual
War ohne Zahl,
Ich hab genug gelitten.
Nun sollst Du mein Beschützer sein,
Herr, komm, führ’ mich die Wege Dein,
Erleuchte, Herr, meinen Geist!
     Ich werd’ Dir folgen. Amen.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Schicksalslied
“Ich nehm vom Schicksal alles hin,
Wofür ich nur geschaffen bin!”
Nun hört euch dies Geschwätz nur an,
     wie Toren sich belügen.
“Geschaffen” und “des Schicksals Macht”,
So klingt’s wenn einer unbedacht
Sich in die Lügen dieser Welt
     will dumm und träge fügen.
Das schlimmste Leid,
Der dümmste Streit
Kann gar nicht anders enden?
Da ruf ich: “Nein!
So darf’s nicht sein!
Ich will mein Schicksal wenden!”
Und wenn’s in keinen Büchern steht
Und keiner sagt, wie’s richtig geht,
Dann spreng ich diese Fesseln doch
     von Blindheit und von Lügen.

Aus vollem Herzen
Aus vollem Herzen, da erklingt
Mein Lob, das reiche Ehren bringt,
Dem Herrn von Holstein ist’s geweiht,
     den will ich euch gern preisen.
Sah man jemals einen Mann,
Den man höher rühmen kann?
Keinen hab’ ich je entdeckt
     auf meinen weiten Reisen.
In früher Jugend
Hat für die Tugend
Er sich schon entschieden.
Nur er allein
Blieb stark und rein,
Die Sünde hat er gemieden.
Herren und Damen nennen ihn gut,
Er ist voll Kraft und Edelmut.
Allen, die nach Vollkommenheit streben,
     kann er den Weg wohl weisen.

 

Sage an, du böser Mann
Sage an, du böser Mann -
     was soll dein Hass?
Dich lenkt doch dein Neid
Auf jeden, der nur Gutes will,
   du bist krank im Herzen!
Nur, wer dir folgen kann
Ohn’ Unterlass,
Den verschonst du mit Streit!
Sucht sich einer eig’ne Wege,
   dann bringt dir das Schmerzen!
Mach nur weiter! Du büßt bald deine Sünden!
Das bringt den Guten nie vom Wege ab,
     wenn er den Pfad der Tugend will gehen.
Du wirst’s hören, wenn’s bald alle verkünden:
“Er allein hat Schuld an dem Übel,
     er kann nichts außer Zwietracht nur säen.”
Guter Mann, dir gönne ich gutes Leben!
Dem Neider nur Neid
Und endlosen Streit,
Bosheit kann nichts außer Bosheit geben.

Diese heilige Zeit
Diese heilige Zeit
Bezwinget mich,
Dass ich singen muss
Von dem der mich erschaffen hat,
   Schöpfer aller Dinge.
Hilf mir, Herr, ich bin bereit,
Nun mache ich
Mit den Sünden Schluss,
Hilf mir, Gott, zu jeder Stund’,
     dass es auch gelinge.
Herr, Du weißt doch, mein Leib ist so schwach!
Das bedenke, Du, mein Gott,
     hilf mir, meine Schwäche zu überwinden.
Hilf dem Sünder! Mach ihn stolz, stark und wach,
Schenk ihm Klarheit und auch Mut,
     denn er will den rechten Weg doch finden.
Jesus hat sein Blut vergossen in seiner Güte.
Maria, Jungfer, rein,
Lass mich jetzt nicht allein.
Bitte Deinen Sohn, dass er mich behüte!

 

Ich erwählte dich
Ich erwählte dich aus allen Frauen,
Die du lieblich stehst vor meinen Augen.
Keine ist doch schöner anzuschauen,
Keine kann zum Glücke eher taugen!
Wer kann vergüten deine Güte,
Nur Gott, der Gute, der behüte
Dich und auch mich selbst, ich will’s beschwören,
Vor der Minne, die mich will zerstören!

 

Der Unbelehrte
Der Unbelehrte
Hat geschrieben eine klagende Weise,
Ach, meine Not ist so groß,
Höre ich die Melodie so hell erklingen.
Wie ich’s begehrte,
Ein Lied zu schreiben wie das, das ich preise.
Jetzt fände ich nur noch Trost,
Würde mir endlich ein solcher Ton gelingen.
Ich folge ihm, der Weg führt mich durch noch schlimmere Schmerzen!
Ich will, dass Männer und auch Frauen mein Lied spür’n tief im Herzen,
Schenk’ der Sehnsucht meine Gesänge,
Schmerzhaft schöne Herzensklänge,
Bis ich einst sage:
Weil ich der Liebe Lust und Leid schaute,
Mädchen, fand ich mein Lied.
Hört nun auch meiner sehnenden Klage süße Laute!

 

Selbstpreisung
Selbst die sehnende Klage kann ich euch singen,
Jetzt will ich allen bringen
Freude, Sehnsucht, Lust und Pein.
Ich darf leben ohne böse Schmerzen,
Denn ich schenk’ allen Herzen,
Was sie brauchen, ich allein.
Ja, ich schreibe die schönste sehnende Weise,
Dass mich jeder preise,
Selbst noch als alter, rüstiger, fröhlicher Greise!
Ja, so muss es sein.

Ein lieblich Abenteuer
Preist mit mir ein lieblich’ Abenteuer!
Lobt auch der Minne Feuer
Kräftig, denn das ist es wert!
Ihre Schönheit strahlt wie tausend Sonnen,
Und des Auges Wonnen
Sind’s doch, die das Herz begehrt.
Diese Kraft will mich zu ihr nur führen,
Öffnet alle Türen,
Minne, sie zwingt mich mit Macht, sie ganz sacht zu berühren,
Dass sie Lust erfährt.

Sie traf mich durchs Auge tief ins Herze,
Sie entflammte die Kerze
Heftig, dem entkommt man nicht.
So beraubte sie mich meiner Sinne,
Ach, die liebliche Minne
Nahm mir schließlich jede Sicht.
Liegt am Schluss das Herz nur auf der Waage,
Was soll dann die Klage?
Liebste, ich weiß doch, dass ich nur noch Liebliches sage,
Lieb’ lockt Lieb’ ans Licht.

 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 

Der Weckruf
(fehlendes Blatt)
...
...
...
...
“Wie schön die Nacht der Liebe war,
Doch nun kommt uns der Morgen nah,
Die Vög’lein singen, der Tag ist da.”

Der Weckruf klang von Ferne,
Der Ritter sprach zur Braut:
“Du weißt, ich bliebe gerne.
Doch ruft der Wächter laut.”
Sie nahm ihn zärtlich in den Arm,
Und spürte, wie die Sorge kam,
Weil ihr der Tag den Liebsten nahm.

So blieb’s ein leidvoll Scheiden,
Und manche Träne floss.
Er schwor’s mit tausend Eiden:
“Ich komm’ zurück ins Schloss.”
Sie flehte leise: “Bleib bei mir.”
Er drehte sich noch um zu ihr
Und sprach: “Bald bin ich ja wieder hier...”

 

Geh deinen Weg
Ich mahne dich, du junger Mann, so zarte,
Bleib mild und gut.
Geh deinen Weg, was immer dich erwarte,
Bewahr den Mut!
Laß dir nicht falsche Dinge raten,
Bleib stets gerecht bei allen Taten,
Dann öffnet sich des Himmels Garten.

 

Die ganze Nacht
Ach, ich hab gedacht
Die ganze Nacht
An meinen großen Kummer,
Den eine Frau mir bringt,
Weil nichts gelingt,
Sie raubt mir jeden Schlummer.
Könnt’ ich von ihr empfangen
Nur einen Kuss!
Oh Hochgenuss,
Dich würd’ ich gern erlangen.

Kann das Tugend sein,
Dass du allein
Willst mich nun ganz verderben?
Wer deine Nähe sucht,
Du süße Frucht,
Der sollte Gnade erben.
Das würd’ ich dir gern raten:
Leg’ doch ein Liebespfand
In seine Hand
Aus deines Herzens Garten.

Was ich dir auch sang,
Nein, mir gelang
Kein Schritt zur hohen Minne.
So leide ich nun Not
Und irren Tod,
Weil ich dich nicht gewinne.
Stets ist’s dieselbe Bitte.
Mir hilft gar kein Rat:
Du kennst den Pfad
In meines Herzens Mitte.

 

Die Erde ist erschlossen
Die Erde ist erschlossen,
Die Blumen sind gesprossen,
Ab heute wird genossen,
Nichts wird bleiben wie vorher.
Die Vöglein wollen singen,
Den Winter ganz bezwingen,
Ihr Lied kann fröhlich klingen,
Sie sind doch ihr eig’ner Herr.
Die Kälte ist verschwunden,
Der Mai hat uns gefunden,
Jetzt woll’n wir Kränze binden,
Winter muss verschwinden,
Sommer soll uns finden.

Die Blumen sind gepflücket,
Die Kränzlein fein geschmücket,
Wir hoffen, dass es glücket
Und der Minne Feuer loht.
Der Mai will uns jetzt fangen
Mit bloßen Frauen-Wangen,
Die hell im Lichte prangen,
So glänzt seine Fahne rot.
Die woll’n wir stolz nun tragen,
Um Sorgen zu verjagen,
Sie schmückt uns wie ein süßer Mund.
Jetzt ist uns doch jede Stund’
Ein wahrer Freudenfund.

Da wird so manches Herze
Nun heiß wie eine Kerze
Im süßen Sehnsuchtsschmerze,
Liebste Minne, sag nicht nein!
Willst du dich denn verwehren,
Wo alle dich verehren?
Den Becher gilt’s zu leeren,
Dann wird wirklich Frühling sein.
Du musst nur Liebe geben,
Um ganz im Glück zu leben,
So bleibst du nicht alleine,
Süße Fraue, meine,
Du weißt, dass ich dich meine!

 

Wacht auf, ihr stolzen Helden
Wacht auf, ihr stolzen Helden,
Nun kommt hinaus ins Feld. Denn
Ihr dürft euch lautstark melden,
Nur euch gebührt die Welt, denn
Diese Zeit ist wonnengleich.
Ihr braucht nicht mehr zu schweigen,
Das Grün bricht aus den Zweigen,
Die Vögel woll’n uns zeigen,
Wie hier im Frühlingsreigen
Neu erstrahlt das Maienreich.
Nun tretet auf den Anger und übet
Mit den Vögeln einen neuen, süßen Sang.
Nichts, was noch die Lust am Leben trübet,
Ihr dürft schauen
Nach den reinen, edlen, holden Frauen.
Der Mai hat uns gegeben
Ein neues helles Leben,
Wir woll’n zum Glücke streben
Und in Freuden schweben.
Diese Zeit währe lang.

Die Welt liegt uns zu Füßen,
Die Vöglein soll’n uns grüßen
Und uns die Zeit versüßen,
Der Winter muss jetzt büßen,
Feurig loht des Maien Glut.
Drum locken wir die Frauen
Mit minniglichem Schauen,
Das dürfen wir uns trauen
In dieser Luft, der lauen,
Denn da wächst uns neuer Mut.
Nun haben wir beide, Frau’n und Maien,
Ja, so lässt sich’s fröhlich leben, das ist wahr.
Tanzen, Springen, süße Tändeleien
Empfanget -
Los ihr Frauen, kräftig zugelanget!
Das will ich euch wohl raten,
Denn solche Heldentaten,
Die dürfen nicht mehr warten,
Uns’res Maien Garten
Blüht doch nicht ein ganzes Jahr!

Oh Weib, du darfst mich jagen,
Ich will gewiss nicht klagen,
Ich will dein Band gern tragen.
Nur eins darfst du nicht sagen:
Dass du mich nun lässt allein.
Ich hab so lang gesungen,
Ist’s nicht zu dir gedrungen?
Ich hab um Lob gerungen,
Mit tausend süßen Zungen,
Soll’s mir nicht gelohnet sein?
Was hast du in deinem Herzen, Fraue,
Dass ich nicht von deiner Liebe noch genesen kann?
Du bist meiner Sehnsucht Ziel, ich schaue
Doch nur zu Dir,
Von allen Frauen gehörst du mir.
Wizlaw, der Junge, singet,
Dies Lied, das ihr entspringet,
Der Frau, die Glück mir bringet,
Wenn’s endlich ganz gelinget:
Freudentag, nun fang schon an!

 

Die lange Winternacht
Mai, du Schöner! Gib dir Müh,
Komm schon! Es ist nie zu früh.
Wir warten.
Frauen schließen noch ihr Kleid.
Uns ist das von Herzen leid.
Sie taten
All die lichten Stoffe in die Truhen.
Mai, nun lass sie dort nicht länger ruhen!
Denn die Mäntel, warm und dick,
Gönnen uns nicht einen Blick,
Oh Kälte!

Gelte jetzt ein neuer Plan:
Winter soll zum Teufel fahr’n,
Ja, lass ihn!
Frost zwingt alles unters Dach,
Ich beklag’s mit Weh und Ach,
Ich hass ihn!
Doch bei allem Kummer, den er brachte,
Gab’s wohl eines, das uns glücklich machte:
Eine herrlich lange Nacht!
Die hat uns die Lust entfacht -
Die mag ich.

Klag ich also nun nicht mehr:
Denn die schönste Frau kommt her
Für Stunden.
Fröhlich, ja von Freuden geil,
Haben wir das höchste Heil
Gefunden.
Wird sie mich mit sanften Worten wecken,
Werd’ ich mich bald wieder zu ihr strecken.
Und ich rufe: “Roter Mund,
Heil! Heil Heil! Zu jeder Stund!”
Trotz Winter.

 

Lasst uns träumen
Der Wald und Anger steht bereit
Mit einem wonnig-grünen Kleid,
Weit hört man hell die Vöglein singen.
Sie senden ihren süßen Schall,
Der uns mit lautem Widerhall
Allüberall mag Freude bringen.
Oh, so froh
Macht des Maien Blühen, Glühen, Mühen.
Ich spüre Hoffnung hier im Grün und unter Bäumen.
Lasst uns träumen!

Nun strahlt die Au im hellen Schein,
Gott hauchte ihn dem Erdkreis ein,
Sein Licht mag wohl zur Liebe taugen.
Seht nur die reinen, schönen Frau’n,
Die uns so tief ins Herze schau’n,
Braun, blau und grün sind ihre Augen.
Ja, da sah
Mancher junge Triebe! Bliebe Liebe
Diesmal in meinem Spiegel, müsst ich nicht vergehen,
Dürfte sehen!

Ach, diese Kraft ist mehr als groß,
Minne setzt fast den Todesstoß,
Los, trotzdem wollen wir sie spüren.
Du bist es, die mich schier bezwang,
Die meine Sorgen niederrang,
Lang ließ ich mich von dir nur führen.
Schnell, grell, hell
Schrie ich deinen warmen Namen. Kamen
Wir uns’ren Träumen je so nah? Ach, habt euch lieb,
Wie Wizlaw schrieb!

 

Nun dann, Herr Maie
Nun dann, Herr Maie, nehmt meine Huld entgegen.
Denn meine Frau erscheint im schönsten Glanze.
Ihr Schmuck, ihr Kleid, ihr Leib - ist’s nicht ein Segen?
Ein böser Winter, der verbarg das Ganze!
So wird’s nicht länger sein,
Mein Weib macht sich nun fein,
Sie tritt heran,
Als ob sie spräche: “Seht mich an,
Ihr Mägde, Frau und Mann!”

Sie soll’s nur hören: Ich lob froh den Maien.
Doch noch mehr Lob, das soll doch ihr gebühren,
Ich werd’ in Demut ihr mein Lied nun weihen,
Ihr helles Licht soll mich zur Sonne führen.
Sie ist mein höchster Lohn,
Gesandt vom Himmelsthron.
Was sie auch tat,
Alles war stets voll Güt’ und Gnad -
Lobt sie wie ich! Das ist mein Rat!

Seh’ ich die Gute durch all dies Lob gestärket,
Werd’ ich euch nun auch meine Wünsche sagen,
Die sie, das darf ich hoffen, längst bemerket,
Weil sie so nah bei ihren Wünschen lagen.
Ach, wenn ich sie nur hätt’
Endlich in meinem Bett,
Ganz, ganz nah,
Hört’ ich von ihr ein lieblich: “Ja!
Mach bitte weiter. Ja, da! Ah, aaah!”

 

Das Minne-Turnier
Die Vögelein
Grüßen den hellen Maienschein.
An ihrem süßen Lied allein
Könnt ihr sie erkennen.
Ein Farbenspiel,
Gelb, rot und blau mit Blumen viel,
Jetzt ist der Frühling fast am Ziel.
Seht ihr den Winter rennen!
Vollendet gut
Wärmt die erste Sonnenglut,
Wir haben alle zu lang geruht,
Männer und auch Frauen.
Der Mai entzückt,
Uns macht die Sonne schier verrückt,
Wohl dem, dem jetzt die Liebe glückt,
Der darf Wonnen schauen.

Nun ist sie da,
Die wild entschlossene Männerschar,
Heut ist Turnier, ihr wisst es ja,
Später geht’s zum Tanze.
Nun rennt gleich los,
Messt eure Kräfte mit Freuden groß,
Trefft die Sorgen mit einem Stoß,
Heute geht’s ums Ganze.
Zeigt großen Mut,
Das gefällt den Frauen gut,
Eine die mir Sanftes tut,
Die mag’s mir vergelten.
Und hat sie Lust,
Werf’ ich mich ihr auf die Brust,
Ach, das wäre ein Minnen just,
Nein, sollst mich nicht schelten!

Noch leb’ ich so,
Dass ich durch sie werde froh,
Denn ich verbrenne lichterloh
Nur von ihren Blicken.
Du edle Frau,
Nimm mich zu dir, du weißt genau,
Dass ich nur dir ins Auge schau,
Soll’s denn dann nicht glücken?
Wer weiß, die Zeit
Hält für mich manchen Kampf bereit,
Also bitt’ ich ohne Streit:
Schenk mir Glück vor allen.
Ich geb’ nicht auf,
Stürz’ mich ins Schwert bis hoch zum Knauf,
Dass ich gleich im schnellen Lauf
In dein Herz kann fallen!

 

Laub ist gefallen
Laub ist gefallen,
Und die Bäume tief im Tal
Tragen kahle Äste.
Den Blumen allen
Fehlt ihr Glanz mit einem Mal,
Sind nur braune Reste!
Kälte bezwinget
Alle Pflanzen ringsumher,
Füllt nun uns’re Herzen mit Trauer.
Bis es erklinget,
Ein Lied schöner als vorher,
Nimmt den Abschiedsschmerzen die Dauer.

Sie soll erschallen,
Meine zarte Melodie
Soll von Liebe singen.
Ihr zum Gefallen,
Meiner Herrin, denn nur sie
Kann mir Freude bringen.
Wie sollt’ ich frieren,
Wenn doch ihre Wangen glüh’n,
Sie kann mich wie keine betören.
Mut nie verlieren!
Werd’ mich ganz um sie bemüh’n,
Will nur ihr alleine gehören.

 

Der Herbst kommt
Der Herbst kommt nun und zeigt seine Macht,
Lockt mit Glanz und Reichtum und Pracht
Macht, dass uns das Herze so lacht,
Will, dass wir uns laben!
Bier, Met und auch der prächtige Wein,
Rinder, Gänse, Kälber und Schwein’,
Auch die Hühner bruzzeln gar fein,
Jeder soll was haben!
Das, was hier gewachsen ist,
Ist für alle, dass ihr’s wisst,
Auch aus den Flüssen die Fische.
Ein fröhlich’ Leben, das jedem schmeckt:
Gott hat selber ... den Tisch gedeckt,
Dass der Mensch seine Schätze entdeckt,
Kommt voller Freude zu Tische.
(fehlendes Blatt)

Quelle: Dr. Jahn, Lothar ”Wizlaw III. von Rügen - Fürst und Minnesänger” und ”Wizlaws Liederbuch”, Hofgeismar 2003
Lieber Lothar, vielen Dank für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung dieses Textes
!

zurück zum Text über Wizlaw III.

[Startseite] [Autor Jens Ruge] [Die Wizlawiden] [Minnesänger Wizlaw] [Rujana - Rügen] [Liebe Kinder!] [Linksammlung] [SiteMap] [Gästebuch] [Forum Ruyanorum]