Wappen der 'verbürgerlichten' Wizlawiden

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Die Gardvogteien Peron/Prohn und Gristove/Gristow und die Insel Hiddensee

Der Goldschmuck von Hiddensee

Beginnen wir bei der Beschreibung dieses Gebiets mit der Insel Hiddensee im Norden. In der Edda Hedinsey genannt, könnte ihr Name aber auch vom slawischen chytac = “(Fische) fangen” stammen. Und natürlich darf der Goldschatz von Hiddensee nicht fehlen: Dessen Schmuckstücke wurden 1872 bei einer Sturmflut freigelegt und mit dem Teil des Tempelschatzes von Arkona in Verbindung gebracht, der nicht den Dänen in die Hände fiel. Auf  Saxo Grammaticus berufend, hielt sich folgende Überlieferung: (zitiert aus: Ingrid Schmidt ”Götter, Mythen und Bräuche von der Insel Rügen”, Hinstorff Verlag Rostock 2002)

“’Der Oberpriester aber hatte vorher alle goldenen und silbernen Schätze nach der Insel Hiddensee geschafft. Hier baute man dem SVANTEVIT einen neuen Tempel. Als die Dänen das erfuhren, kamen sie nach Jahren zurück und zerstörten auch diesen. Und weil der Priester die Schätze nicht anders zu retten wußte, nahm er sie und stürzte sich damit ins Meer.’” (I. Schmidt, S. 60-61)

Die Herkunft dieses Schatzes aus der Zeit um 950 ist noch nicht definitiv geklärt. Ich möchte mich deshalb auch nicht voreiligen Festlegungen anschließen, die ihn als wikingisch verorten. Nach allem was ich über die Slawen kennen gelernt habe, ist es für mich denkbar, dass er ein Kunstwerk der Rügenslawen  gewesen sein könnte.

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Gardvogteien Rambin und Prohn (Nord), Hiddensee

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Gardvogteien Prohn (Süd), Gristow und Loitz

Auch auf Hiddensee hatte im Frühmittelalter eine umfangreiche slawische Besiedlung stattgefunden, die die Behauptungen von einer “urgermanischen” Insel widerlegt. Die Ortsnamen Grieben (gribno = “Pilz”) und Glambek (aus glamb = “tiefe Stelle”) sowie ranische Gefäßscherben belegen das. Ursprünglich gehörte Hiddensee zum geistlichen Besitz von Schaprode auf der Insel Rügen. 1296 belehnte Wizlaw II. das Zisterzienserkloster Neuenkamp mit Hiddensee. Die Mönche errichteten darauf hin in den Jahren 1296 - 1299 ein Zweigkloster. Der Ortsname Kloster im Norden der Insel weist noch heute auf diese Zeit hin. Am Südende Hiddensees, auf dem Gellen (jelen = “Hirsch”), errichteten die Mönche 1302 - 1306 für die Inselbewohner und die Schiffer eine Kapelle mit Taufstein sowie einen “Vulkanstopf” (im Volksmund “Luchte” = Leuchte genannt). Dieses Leuchtfeuer wurde von der Stadt Stralsund unterhalten. Die Rekonstruktion von Kapelle und Leuchtfeuer seht ihr nebenan.

Rekonstruktion von Gellenkirche und Leuchtfeuer
Siegel der Stadt Stralsund

Als bedeutendste Stadt im Fürstentum Rügen war seit eh und je Stralsund mit diesem in “Freud’ und Leid” verbunden. Zentral an der verkehrsgünstigsten Stelle des Fürstentums gelegen, entwickelte sich aus dem schon lange bestehenden ranischen Fischerdorf Strâlove (= “Pfeilort”) die Handelsstadt Stralsund, die 1234 vom Fürsten Wizlaw I. das lübische Stadtrecht verliehen bekam. Die entsprechende Urkunde seht ihr auf der Seite über die westlichen Gardvogteien der Insel Rügen. Das erste Stadtsiegel, das links vom Text abgebildet ist, zeigt eine Kogge mit einer fliegenden Pfeilspitze. Es ist somit ein “redendes Wappen”, dass auf den aus dem Slawischen kommenden Namen Bezug nimmt. Die neue Stadt verfügte über einen ideal gelegen natürlichen Hafen an der engsten Stelle des Strelasunds mit einer schnellen Fährpassage nach Rügen. Landeinwärts ermöglichten die fast sternförmig von Stralsund ausgehenden Straßen einen regen Handel. Der Verlauf dieser Wege hat sich über die Jahrhunderte kaum verändert. Noch heute sind sie als Bundes-/Landesstraßen Barth - Stralsund, Ribnitz-Damgarten - Stralsund, Tribsees - Franzburg (Neuenkamp) - Stralsund, Loitz - Grimmen - Stralsund und Greifswald - Stralsund vorhanden.

Auf den folgenden Bildern seht ihr Details aus der mittelalterlichen Sundstadt. Das große Bild vermittelt euch einen guten Eindruck vom Charakter der neu angelegten Stadt: Im Westen (links im Bild) vom Knieperteich, im Süden (rechts) vom Frankenteich und im Nordosten (oben) vom Strelasund umschlossen bot sie optimale Verteidigungsmöglichkeiten, die zu ihrer späteren Festungsfunktion führten (erkennbar an den noch sichtbaren Bastionen). Landeinwärts schließt sich an den Knieperteich der Moorteich an und nördlich von diesem liegt das Waldgebiet “Hainholz”. Zur Insel Rügen hin ist Stralsund die kleine Insel Dänholm vorgelagert, die einstmals Strela hieß und Stadt und Wasserstraße ihren Namen lieh. Heute verläuft bekanntlich darüber der Rügendamm mit Straße und Bahnlinie. Die gesamte Altstadt war von einer Stadtmauer umgeben, die zu großen Teilen noch heute besteht und in den 1970-er Jahren von polnischen Fachleuten rekonstruiert wurde (kleines Bild Mitte). Der Zugang zur mittelalterlichen Stadt erfolgte über mehrere Tore, von denen heute noch das Küter- und das Knieper-Tor erhalten sind. Das rechte kleine Foto zeigt das Kloster St. Johannis. 1254 verlieh Jaromar II. dem Franziskanerorden das Recht, dieses Kloster zu erbauen. Neben dem Bild seht ihr das Siegel der Minoriten zum Sunde. Fürst Jaromar II. stiftete ebenfalls 1251 das Kloster St. Katharinen den Dominikanern. Schließlich erhielten die Zisterzienserbrüder aus Neuenkamp 1257 eine Niederlassung in Stralsund, den “Kampischen Hof”. Im Johanniskloster ist heute das Stadtarchiv und im Katharinenkloster das Stralsund Museum untergebracht. Beide Einrichtungen engagieren sich stark in der Erforschung der Geschichte Stralsunds und seines Umlands. Auf dem linken Bild erkennt ihr schließlich die älteste der drei Hauptkirchen Stralsunds, St. Nikolai. Das Bauwerk wurde 1276 zum ersten Mal erwähnt. 1280 war Jaromar, der Bruder Wizlaws III. und spätere Bischof von Kammin, “scholaris” an der Nikolaischule. Bei seiner Wahl zum Bischof 1289 war er “rector ecclesiae” von St. Nikolai. Es könnte sogar sein, dass Wizlaw III. seine literarisch-musikalische Ausbildung an der gleichen Schule genossen hatte, zumal sein Lehrmeister Magister Ungelarte um 1300 als Bürger der Sundstadt bezeugt ist.

Die mittelalterliche Altstadt von Stralsund

Die junge Stadt war relativ früh Schicksalsschlägen ausgesetzt: Bereits 1249 hatten die Lübecker die Stadt überfallen und ihr großen Schaden zugefügt. Die Konsequenz war der Bau der Stadtmauer. Und 1271 vernichtete eine Feuersbrunst große Teile Stralsunds. Aber die Bürger wussten sich immer wieder zu helfen ... und ihre Macht auszuweiten. So erreichten sie, dass am 25. März 1269 Wizlaw II. den Bürgern Stralsunds verspricht, “seine neue Stadt Schadegard” gänzlich zu beseitigen. Schadegard (= “graue Burg”), dessen Lage sich eventuell in der heutigen Neustadt befand, war offensichtlich eine weitere Kolonistensiedlung, die der Fürst als Gegengewicht zu Stralsund aufbauen wollte. Sie bestand vermutlich erst aus ein paar Holzhäusern, sonst hätte man bei Ausgrabungen etwas davon entdeckt und es wären auch Aufzeichnungen über ihre Zerstörung erhalten geblieben.

Es beteiligten sich auch weiterhin slawische Stadtbürger an der Entwicklung des Gemeinwesens. So soll vor 1300 fast ein Drittel der Einwohnerschaft aus dem festländischen Teil des Fürstentums Rügen gestammt und zahlreiche slawische Vollnamen besessen haben. Zum Teil entstammten diese Familien dem rügenslawischen Adel, wie z.B. die Gustrowe (von Güstrow) und die Zabrod (von Schaprode). Die Güstrows wurden im Zusammenhang mit dem Krieg der Fürstenkoalition gegen Stralsund 1314 als “fürstliche Spione” aus der Stadt vertrieben. Eine weitere angesehene und begüterte ranische Patrizierfamilie waren die Bileks, an die heute noch die Straße “Bielkenhagen” am Katharinenkloster erinnert. In dessen Nähe, am Katharinenberg, befanden sich auch das Stadthaus der Fürsten, die “curia”, und St. Peter, die Kirche der slawischen Einwohner. Jedoch kann all das nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Großteil der Slawen Stralsunds, sicher im geringeren Maße als in vergleichbaren Städten, immer mehr ins politische und soziale Abseits gerieten. So wurden sie in Berufe abgedrängt, die nicht sonderlich geachtet waren und mussten in bestimmten Stadtteilen leben, z.B. am “Wendenmarkt” (heute Teil der Badenstraße). Dieser Prozess verstärkte sich in dem Maße, wie die Rügenfürsten ihren Einfluss auf die Stadtpolitik einbüßten. Besonders nach der Niederlage Wizlaws III. 1316 und dem Anschluss an Pommern-Wolgast 1325 verschlechterte sich die Lage der Slawen Stralsunds, die schließlich in deren Assimilierung mündete.

Eine weitere Bevölkerungsgruppe, die oft auch Diskriminierungen ausgesetzt war, ist ebenfalls seit etwa 1300 nachweisbar: die Einwohner jüdischen Glaubens. An sie erinnert die Judenstraße (in der Nähe des Neuen Marktes). Eine Urkunde Wizlaws III. aus dem Jahr 1321 bezeugt, dass auch die jüdischen Einwohner im Fürstentum Rügen mit den anderen des gleichen Standes gleichgestellt waren, und mit ihnen genauso Verträge getroffen wurden, wie mit christlichen Bauern, Bürgern und Rittern. Und das in einer Zeit, wo anderenorts Pogrome schon Gang und Gäbe waren! Die Zusammenfassung des Inhalts der Urkunde lautet: “Die Gebrüder Rickold, Anton, Heinrich, Gerlach und Johann von Schmachteshagen bekunden, dass ihr Schwager Johann Steinbeke, mit ihrem Willen, vor dem Fürsten Wizlaw David dem Juden, für eine Schuld von 168 Mark Pfennige, 15 Mark Rente aus Wenthagen, welche ihrer Schwester zuständig, wiederlöslich binnen 2 Jahren, verschreiben.” Vermutlich setzte aber bald danach auch in Stralsund eine Diskriminierung der Juden ein, parallel zu der der Ranen.

Urkunde über das Patronat des St.-Jacobi-Schule

Im Sommer 2003 wurde eine sensationelle Entdeckung gemacht, und die links abgebildete, genau 700 Jahre alte Originalurkunde im Magazin des Stadtarchivs gefunden.
Diese Urkunde besagt, dass 1303 Fürst Sambor (Zambor), der Bruder Wizlaws III., der Stadt das Patronat über die Schule bei der Jakobikirche übertragen hatte. Diese Schule musste demzufolge schon länger bestanden haben. Bereits 1319 bestätigte Wizlaw III. diese städtische Freiheit.

Die Ziergiebelfront des Stralsunder Rathauses

Oben seht ihr die berühmte Giebelfront des Stralsunder Rathauses. Sie soll laut Sage aus dem Lösegeld der in der “Hainholzschlacht” 1316 gefangenen Grafen finanziert worden sein. Der geschichtliche Hintergrund dazu:

1311 lädt der Dänenkönig Erik VI. Menved, der Lehnsherr Wizlaws III., nach Rostock zu einem Treffen der norddeutschen und wendischen Fürsten. Diese werden von den Rostockern vor die Stadt verbannt, was der König zum Anlass für einen (mit Unterbrechungen) fünfjährigen Krieg gegen die aufstrebenden Küstenstädte und den mit ihnen verbündeten Markgrafen Waldemar von Brandenburg nimmt. Nach wechselhaftem Verlauf der Kämpfe, in dem sich ein Großteil der Vasallen Wizlaws (12 Ritter und 123 Knappen, später sogar 24 Ritter) auf die Seite der Stralsunder geschlagen hatten, kommt es am 21. Juni 1316 zur entscheidenden Schlacht vor den Toren Stralsunds. Die Sundischen operierten mit einer Kriegslist, bei der die Hutmacher den Pferden Filz unter die Hufe banden. Auf diese Weise waren die Stralsunder bei ihrem Ausfall nicht zu hören und konnten so die im Hainholz lagernden Gegner aus der Fürstenkoalition überraschen. Diese flohen oder wurden gefangen genommen. Wizlaw, der an der seeseitigen Blockade der Stadt teilgenommen hatte, entkam mit Not auf einem Schiff. In der Folgezeit söhnte sich Wizlaw mit seiner Stadt aus, bestätigte ihr alle bestehenden Rechte und erweiterte diese. So verkaufte er Stralsund seinen Zoll und seine Münze, verzichtete auf sein Strandrecht (das Recht auf angelandetes Treibgut) und auf die hohe Gerichtsbarkeit.
Ein Zeichen für diese nun errungene ökonomische und politische Macht Stralsunds ist die Prägung von eigenem Geld, der “Mark sundisch”. Die Stralsunder Münzen waren Brakteaten (Hohlpfennige) wie die fürstlichen Wizlaws III., zeigten aber statt der rüganischen Flagge einen Strahl als Symbol der Sundstadt. Die drei Münzen mit Flagge und beigefügtem Strahl sind Stralsunder Prägungen für den Fürsten. (Abb. unten)

Münzen Stralsunds

Dieses problematische Verhältnis zwischen Wizlaw und Stralsund ist meiner Meinung nach nicht mit einfachen Urteilen zu deuten. Weder eine nationalistisch-germanisierende Herangehensweise, etwa nach der Methode “Deutsche Städte gegen Slawen und Dänen”, noch dogmatische “vulgärmarxistische” wie “fortschrittliche Bürger gegen reaktionäre Feudalherren” erfassen das Geschehen in seiner Vielschichtigkeit. Zuerst einmal: Krieg ist stets der falsche Weg und nicht entschuldbar, dies auch ins “Stammbuch” eines ansonsten fortschrittlichen Menschen wie Wizlaw III.. Zweitens, ein “nationales Problem” hat hier nicht vorgelegen, auch wenn die Macht in den Städten fast ausschließlich in der Hand von Deutschen lag, so war die Fürstenseite doch bunt gemischt. Es war eher eine soziale und machtpolitische Auseinandersetzung. Der König von Dänemark und der Markgraf von Brandenburg wollten jeweils ihre Ostseeherrschaft ausbauen bzw. neu errichten. Die Fürsten der Ostseeregion wollten ihren Machtverlust an die aufblühenden Handelsstädte rückgängig machen und die Städte ihrerseits wiederum ihren Machtgewinn ausbauen. Und quer zu dem Ganzen verliefen die sozialen Auseinandersetzungen und Bündnisse: Zum einen verbündeten sich die schon erwähnten Adligen mit den Städtebürgern und erwiesen sich somit als “clevere Geschäftsleute”, da sie für ihren Dienst auch “eine Menge einstrichen”. Zum anderen war bei den Fürsten tatsächlich das Hauptmotiv die Durchsetzung ihrer Rolle als feudale Landesherren. Was aber wiederum bei Wizlaw nicht nur der Fall war, denn er unterstützte z.B. die Stralsunder Stadtarmut gegen das Patriziat. Und das war vermutlich mehr als nur Ausnutzung für eigene Ziele, da all das, was wir über ihn aus seiner Dichtung und den überlieferten Dokumenten wissen, auf einen sehr sozial eingestellten Menschen schließen lässt.

Anna selbdritt (1260-70) in der Kirche St. Nikolai zu Stralsund

Übrigens befindet sich in der Nikolaikirche zu Stralsund eine herausragende Skulptur der Anna Selbdritt. Nach neuesten Forschungen wurde sie zwischen 1260 und 1270 aus Gips erschaffen. Sie ist fast vollständig erhalten und weist noch deutliche Spuren der Bemalung auf. In die in den Oberkörpern von Anna und Maria befindlichen Nischen waren einst Reliquienkästchen eingelassen. Mit 2,24 Meter Höhe ist die Stralsunder Anna Selbdritt eines der größten bildhauerlichen Werke, die aus jener Zeit erhalten geblieben sind. Eigens für die 1307 erstmals erwähnte Figurengruppe wurde die Annenkapelle geschaffen. Diese Plastik war das bedeutendste Kunstwerk des Fürstentums Rügen und hatte damals schon “internationalen Rang”, wie man heute sagen würde. Leider ist uns der Name des Künstlers nicht überliefert. Ihr seht sie links neben diesem Text.

Für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung dieser Abbildung möchte ich mich bei Herrn Pastor Neumann (www.nikolai-stralsund.de) bedanken.
www.kirche-mv.de > Suche nach “Stralsund St. Nikolai”

Kirchhof von Prohn mit Ort der slawischen Fürstenburg
Skulptur in der Wizlawstraße in Prohn

Ist es etwa Agnes, die den kleinen Wizlaw unter ihrem Herzen trägt? (Skulptur in der Wizlawstraße in Prohn)

Die Dorfkirche von Pütte

Über diesem Text ist ein Foto des Kirchhofs von Prohn abgebildet. An dieser Stelle befand sich einst die Fürstenburg, auf der auch der junge Wizlaw und seine Geschwister ihre Kindheit und Jugendzeit verlebten. Die Gardvogtei Prohn (Peron, abgeleitet vom slawischen Donnergott Perun/Porenut) hieß ursprünglich Sundis und der Vogt hatte seinen Sitz in Stralsund. Der schwindende Einfluss des Fürsten zeigte sich auch in der Verlagerung des Vogteisitzes nach Prohn. Die Fürstenfamilie selbst hielt sich gern und oft in der Burg von Prohn auf. Wizlaw II. bestimmte in seinem Testament den Ort als Witwensitz für seine Frau Agnes. Das Vogteihaus in Prohn war übrigens ein Lehmstakenbau mit Fächerungen der Wände im Balkenverband. Die Marktstätte lag im Schutze der Burg. Der Vogt übte im Namen des Fürsten die Gerichtsbarkeit aus. Die Abgaben und Steuern wurden im Krug abgehandelt.

Pütte (Pitne = “Ort mit Trinkwasser”) hat sowohl im Slawischen als auch im Niederdeutschen (Pfütze) eine ähnliche Bedeutung und rührt offensichtlich von den benachbarten Süßwasserseen Pütter See und Borgwallsee her. Der Ort bildete schon in vorchristlicher Zeit das Zentrum eines ranischen Siedlungskerns, des Landes Pitina. Seine etwa 800-jährige Kirche (Bild links) zählt zu den ältesten im Fürstentum Rügen. Im Landstrich zwischen Pütte, Niepars (Niprece) und Kummerow (Komorove) und der Ostsee überwiegen auch heute noch die ranischen Ortsnamen.

Das am Strelasund gelegene Brandshagen leitet sich nicht, wie leicht zu vermuten wäre, von einem Brand her, sondern von dem ranischen Vornamen Borante. Der Ritter Borante von Putbus ließ in den Jahren 1209 bis 1241 die Dorfkirche von Zisterziensermönchen errichten. Die Putbusser Herren hatten also auch auf dem Festland Grundbesitz. In der Nachbarschaft, aber schon in der Gardvogtei Gristow, liegt der Fährort Stahlbrode (Starbrod = “alte Furt”). Wie heute so wurde auch schon im Mittelalter von hier aus nach Glewitz (Glevice = “Viehstall”) auf die Halbinsel Zudar übergesetzt.

Gristow (Gristove = “Kraut, Gestrüpp”) selbst gab einem weiteren Adelsgeschlecht seinen Namen. Barnuta von Rügen, ein Bruder Wizlaws I., begründete nach seinem Rücktritt von der Fürstenwürde 1221 dieses Geschlecht, das 1740 erloschen ist. Im Gegensatz zu den Putbussern, die noch bis weit in die Neuzeit hinein slawische Vornamen trugen, erscheinen die Herren von Gristow relativ früh mit deutschen Namen in Urkunden (Siegel rechts).

Siegel Johanns von Gristow

Diese “Durchmischung” war nichts Ungewöhnliches und erfolgte auch nicht nur in eine Richtung. Sie widerlegt aber die vor 1945 und leider auch heute wieder zum Teil vertretene These der “Germanisierung” und der Anpassung an eine angeblich “höhere deutsche Kultur”. So gab es ebenfalls slawische Namen bei deutschen Rittern. 1323 wird z.B. der Ritter Rickold von Schmachteshagen und sein Sohn, der Knappe Slavekin, genannt. Im gleichen Jahr erscheint ein deutsch-ranisches Ehepaar “Wichmann von Frauendorf und seine Frau Tzeseke”. Gemischte Familien waren also nichts Ungewöhnliches und das nicht nur beim Adel, sondern mit Sicherheit auch in der Bauernschaft, so z.B. 1300 ein Tessekin Klein auf Wittow. Desgleichen gab es natürlich auch den umgekehrten Fall, dass Ranen deutsche Vornamen trugen, wie z.B. Didrich Zlaveke und Heinrich Trambize (beide 1322 belegt). Es kann sich natürlich ebenso um Deutsche gehandelt haben, die sich nach einem slawischen Dorf nannten. Wie dem auch alles gewesen sein mag, eines steht fest: Dieses bunte Gemisch im Zusammenleben wurde von den Menschen im Fürstentum Rügen als etwas völlig Normales und als eine Bereicherung empfunden.

Bildnachweis:
“Der Goldschmuck von Hiddensee”: Joachim Herrmann (Herausgeber) ”Die Slawen in Deutschland - Ein Handbuch”, Tafel 63, Akademie Verlag Berlin 1985, sowie Postkarte des Kulturhistorischen Museums Stralsund, 1982
Für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung dieser Abbildung möchte ich mich beim Akademie Verlag Berlin (
www.akademie-verlag.de) und beim Kulturhistorischen Museum Stralsund (www.stralsund.de > Freizeit/Kultur/Sport > Kulturhistorisches Museum) bedanken.
“Rekonstruktion von Gellenkirche und Leuchtfeuer”: Herbert Ewe ”Hiddensee”, S. 110, Hinstorff Verlag Rostock 1983
Für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung dieser Abbildung möchte ich mich bei Frau Maas, der Leiterin des Buchverlags Hinstorff Verlag GmbH (
www.hinstorff.de), und bei Herrn Ewald, dem Gestalter der Reproduktion, bedanken.
“Siegel der Stadt Stralsund”, “Siegel des Franziskanerklosters Stralsund”: C. G. Fabricius ”Urkunden zur Geschichte des Fürstentums Rügen unter den eingeborenen Fürsten”, Stettin 1851
“Die mittelalterliche Altstadt von Stralsund” (einschließlich der Abbildungen Nikolaikirche mit Rathausgiebelfront, Stadtmauer, Rosengarten des Johannisklosters): Informationsbroschüre “Hansestadt Stralsund - Deutschlands jüngstes Welterbe”, S. 4-7, Tourismuszentrale der Hansestadt Stralsund 2003
Für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung dieser Abbildungen möchte ich mich bei der Tourismuszentrale der Hansestadt Stralsund (
www.stralsundtourismus.de) bedanken.
“Urkunde über das Patronat des St.-Jacobi-Schule”: Stadtarchiv Stralsund 2003
Für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung dieser Abbildung möchte ich mich bei Herrn Dr. Hacker, dem Archivdirektor des Stadtarchivs Stralsund (
www.stralsund.de > Bildung/Wissenschaft > Stadtarchiv), bedanken.
“Die Ziergiebelfront des Stralsunder Rathauses”: Informationsblatt “Wege zur Backsteingotik - Hansestadt Stralsund”, Abb. 1, Tourismuszentrale der Hansestadt Stralsund 2004
Für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung dieser Abbildung möchte ich mich bei der Tourismuszentrale der Hansestadt Stralsund (
www.stralsundtourismus.de) bedanken.
“Münzen Stralsunds”: Hermann Dannenberg ”Münzgeschichte Pommerns im Mittelalter”, Berlin 1893 und 1896
“Anna selbdritt (1260-70) in der Kirche St. Nikolai zu Stralsund”, “Kirchhof von Prohn mit Ort der slawischen Fürstenburg”, “Skulptur in der Wizlawstraße in Prohn”: private Fotos
“Die Dorfkirche von Pütte”: Informationsblatt “Feld- und Backsteinkirchen in Nordvorpommern - Südroute”, Landkreis Nordvorpommern / Wirtschaftsförderung
Für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung dieser Abbildung möchte ich mich bei Herrn Goetze vom ehemaligen Landkreis Nordvorpommern (
www.lk-vr.de) bedanken.
”Siegel Johanns von Gristow”: Theodor Pyl “Die Entwicklung des pommerschen Wappens, im Zusammenhang mit den pommerschen Landesteilungen”, in Pommersche Geschichtsdenkmäler VII, Greifswald 1894

Die Quellen, auf die ich mich bei meiner Arbeit vorrangig gestützt habe (chronologisch geordnet):
1. Hagen, Fr. H. v. d. “Minnesinger, Deutsche Liederdichter des 12., 13. und 14. Jahrhunderts I - IV”, Leipzig 1838
2. Fabricius, C. G. ”Urkunden zur Geschichte des Fürstentums Rügen unter den eingeborenen Fürsten”, Stettin 1851
3. Dannenberg, H. ”Pommerns Münzen im Mittelalter”, Berlin 1864
4. Pyl, Th. “Lieder und Sprüche des Fürsten Wizlaw von Rügen”, Greifswald 1872
5. Dannenberg, H. ”Münzgeschichte Pommerns im Mittelalter”, Berlin 1893
6. Pyl, Th. ”Die Entwicklung des pommerschen Wappens, im Zusammenhang mit den pommerschen Landesteilungen”, in Pommersche Geschichtsdenkmäler VII, Greifswald 1894
7. Behm, O. “Beiträge zum Urkundenwesen der einheimischen Fürsten von Rügen”, Greifswald 1913
8. Gülzow, E. ”Des Fürsten Wizlaw von Rügen Minnelieder und Sprüche”, Greifswald 1922
9. Haas, A. ”Arkona im Jahre 1168”, Stettin 1925
10. Hamann, C. ”Die Beziehungen Rügens zu Dänemark von 1168 bis zum Aussterben der einheimischen rügischen Dynastie 1325”, Greifswald 1933
11. Scheil, U. “Genealogie der Fürsten von Rügen (1164 - 1325)”, Greifswald 1945
12. Rudolph, W. ”Die Insel Rügen”, Rostock 1954
13. Steffen, W. ”Kulturgeschichte von Rügen bis 1817”, Köln, Graz 1963
14. Vá
ňa, Z. ”Die Welt der alten Slawen”, Praha 1983
15. Gloede, G. ”Kirchen im Küstenwind - Band III”, Berlin 1984
16. Herrmann, J. (Hg.) ”Die Slawen in Deutschland - Ein Handbuch”, Berlin 1985
17. Spiewok, W. ”Wizlaw III. von Rügen, ein Dichter”, in: Almanach für Kunst und Kultur im Ostseebezirk, Nr. 8 (1985)
18. Spitschuh, B. ”Wizlaw von Rügen: eine Monografie”, Greifswald 1989
19. Lange, A. “Tausendjähriges Ralswiek”, Bergen 1990
20. Hages-Weißflog, E. “snel hel ghel scrygh ich dinen namen - Zu Wizlaws Umgang mit Minnesangtraditionen des 13. Jahrhunderts”, in: ”Lied im deutschen Mittelalter. Überlieferung, Typen, Gebrauch”, Tübingen 1996
21. Bleck, R. ”Untersuchungen zur sogenannten Spruchdichtung und zur Sprache des Fürsten Wizlaw III. von Rügen” GAG Folge 681, Göppingen 2000
22. Schmidt, I. ”Götter, Mythen und Bräuche von der Insel Rügen”, Rostock 2002
23. Jahn, L. ”Wizlaw III. von Rügen - Fürst und Minnesänger” und ”Wizlaws Liederbuch”, Hofgeismar 2003
24. Sobietzky, G. “Das Fürstentum Rügen und sein Geldwesen”, Stralsund 2005
25. Kratzke, Ch., Reimann, H., Ruchhöft, F. “Garz und Rugendahl auf Rügen im Mittelalter”, in: Baltische Studien, Neue Folge Band 90 (2004), Kiel 2005
26. Ruchhöft, F. “Die Burg am Kap Arkona” (Reihe: Archäologie in Mecklenburg-Vorpommern, Band 7), Schwerin 2010
27. Reimann, H., Ruchhöft, F., Willich, C. “Rügen im Mittelalter” (Reihe: Forschungen zur Geschichte und Kultur des östlichen Mitteleuropa, Band 36), Stuttgart 2011
28. Ev. Kirchengemeinde St. Marien Bergen auf Rügen (Hg.) “Das bestickte Leinentuch aus dem Zisterzienserinnenkloster Bergen auf Rügen”, Bergen auf Rügen 2013

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